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Die Rolle des Gleichgewichtskonzepts in der mikroökonomischen Ausbildung

Schwierigkeit: leicht
Claudius Gräbner | Wirtschaft neu denken: Blinde Flecken in der Lehrbuchökonomie, 2016
Die Rolle des Gleichgewichtskonzepts in der mikroökonomischen Ausbildung

Thema: Kritik am Mainstream, Lehrmaterial
Format: Text
Link: http://fgw-nrw.de/fileadmin/user_upload/Blinde_Flecken_der_Lehrbuchoekonomie_klein.pdf

Die Rolle des Gleichgewichtskonzepts in der mikroökonomischen Ausbildung

Claudius Gräbner

Quelle: van Treeck, Till, and Janina Urban. Wirtschaft neu denken: Blinde Flecken in der Lehrbuchökonomie. iRights Media, 2016. Das Buch kann hier bestellt werden: http://irights-media.de/publikationen/wirtschaft-neu-denken/.

 

Rezensierte Bücher:

Pindyck, R.S./Rubinfield, D.L. (2013): Mikroökonomie, 8. Auflage, München: Pearson, 1013 Seiten. Im Folgenden zitiert als PR. (Abb: Pearson)

Schumann, J./Meyer, U./Ströbele, W. (2011): Grundzüge der mikroökonomischen Theorie, 9. Auflage, Berlin: Springer, 559 Seiten. Im Folgenden zitiert als SMS. (Abb: Springer-Verlag Berlin-Heidelberg)

Varian, H.R. (2011): Grundzüge der Mikroökonomik, 8. Auflage, München: Oldenbourg, 892 Seiten. Im Folgenden zitiert als HV. (Abb: De Gruyter Oldenbourg; Abb. zeigt die 9. Auflage)


 

Einleitung und Motivation: die Rolle des Gleichgewichtskonzepts in der Ökonomik

Oft wird auf die Forderung nach Pluralismus mit Verweis auf die Diversität des Mainstreams geantwortet. Selbstverständlich jedoch weisen die zweifellos sehr verschiedenen Forschungsorientierungen innerhalb des Mainstreams wichtige Ähnlichkeiten auf. Zwei theoretische Konzepte sind hierbei von besonderer Bedeutung. Zum einen das Optimierungskonzept: Es erlaubt Ökonom_innen, die Entscheidungsprobleme von Subjekten als Optimierungsproblem unter Nebenbedingungen zu modellieren. Zum anderen das Gleichgewichtskonzept: Die große Masse der Modelle, sowohl in der mikro- als auch in der makroökonomischen Forschung, sind Gleichgewichtsmodelle. Aus einer pluralistischen Perspektive stellt sich nun die Frage, welche Rolle diesen Konzepten in der Ausbildung beigemessen und wie mit alternativen Ansätzen umgegangen werden sollte, die sich eines oder beider Konzepte nicht bedienen.

Dozent_innen sehen sich einer großen Herausforderung gegenüber: Sie müssen junge Menschen in eine völlig neue Wissenschaft einführen und den anfangs recht abstrakten Zugang zur ökonomischen Theorie pädagogisch aufbereiten. Zu welchem Grad sollten da fundamentalste Annahmen gleich wieder hinterfragt werden? Bleibt eine Reflexion jedoch gänzlich aus, könnte bei den Studierenden der falsche Eindruck entstehen, volkswirtschaftliches Denken sei gleichzusetzen mit dem Denken in Optimierung und Gleichgewichten.

Lehrbuchautor_innen haben hier gegenüber den Dozent_innen einen entscheidenden Vorteil: Sie können in ihren Werken ohne Probleme tiefergehende Diskussionen und Reflexionen anstellen, ohne Studierende zu überfordern. Jede/r Leser_in kann die kritisch-reflexiven Stellen erst einmal überspringen und sich auf das Handwerk konzentrieren, um danach dieses Handwerk entsprechend zu reflektieren. Das Argument, man überfordere Studierende, indem man sich in Lehrbüchern kritisch mit den eigenen Ansätzen auseinandersetzt, überzeugt also nicht.

Im Folgenden wollen wir untersuchen, wie drei der führenden Mikroökonomik-Lehrbücher das Gleichgewichtskonzept einführen und verwenden. Das Optimierungskonzept wird an anderer Stelle detailliert beleuchtet (siehe den Beitrag von Torsten Heinrich in diesem Band). Nachdem wir zunächst einige theoretische Vorüberlegungen zur Rolle von Gleichgewichten in der Ökonomik anstellen, werden wir danach die drei Werke kurz vorstellen und jedes einzelne kommentieren. Zum Schluss werden wir ein vergleichendes Fazit ziehen.

Theoretische Vorbemerkungen

Wir wollen an dieser Stelle einige wichtige grundlegende Erkenntnisse zum Gleichgewichtskonzept in der Ökonomik zusammenfassen. Wir werden später überprüfen, wie diese – durchaus kritischen – Ergebnisse in den Lehrbüchern berücksichtigt werden. Dies wird uns zum einen zeigen, wie reflektiert die Autor_innen mit der präsentierten Theorie umgehen. Zum anderen bieten die hier vorgestellten Ergebnisse eine direkte Motivation, alternative, nicht auf Gleichgewichten basierende Ansätze in der Ökonomik zu diskutieren.

Die Ergebnisse beziehen sich auf die folgenden Fragen:

  • Inwiefern unterscheidet sich eine statische von einer dynamischen Gleichgewichtsanalyse?

  • Welche Mechanismen führen zu einem Gleichgewicht? Inwiefern können diese Mechanismen eine statische Gleichgewichtsanalyse rechtfertigen?

  • Inwiefern stellt das Modell des vollständig kompetitiven Marktes mit seinem eindeutigen Gleichgewicht das beste neoklassische Referenzmodell für die Wohlfahrtsanalyse dar?

Wir werden die drei Fragen sowohl von einer neoklassischen (also intra-paradigmatischen) als auch von einer pluralistischen Perspektive aus betrachten.

Statische und dynamische Betrachtung von Gleichgewichten

Mikroökonomische Lehrbücher starten in der Regel mit der Analyse von statischen Gleichgewichten. Dieses Vorgehen wird üblicherweise damit begründet, dass die dynamische Analyse von Gleichgewichten zu anspruchsvoll sei und Ergebnisse der statischen Analyse auch im dynamischen Kontext hilfreich sein könnten.

Leider spricht viel dafür, dass eine dynamische Analyse der Ökonomie oft qualitativ andere Schlussfolgerungen nahelegt als eine statische. Insbesondere stellt sich im Rahmen einer dynamischen Analyse die entscheidende Frage nach der Stabilität von Gleichgewichten. Häufig heißt es, dass nicht-stabile Gleichgewichte in der ökonomischen Theorie nur eine untergeordnete Rolle spielen sollten, da sie in der Wirklichkeit kaum zu beobachten sind.1 Vor allem wären sie ein völlig ungeeigneter Ausgangspunkt für wohlfahrtstheoretische Beurteilungen. Leider konnte im Laufe der Geschichte der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie die Existenz eines stabilen Gleichgewichts selbst im kompetitiven Wettbewerbsmodell nicht bewiesen werden – im Gegenteil (siehe zum Beispiel Debreu 1974; Kirman/Koch 1986). Positive Ergebnisse bezüglich der Stabilität von Gleichgewichten im allgemeinen Gleichgewichtssetting konnten erst in jüngster Vergangenheit durch Gintis (2007) und Mandel/Gintis (2016) erzielt werden – allerdings in einem ganz anderen methodischen Rahmen als dem in den Lehrbüchern präsentierten Methodenkoffer (nämlich mit Hilfe agentenbasierter Simulationen und Replikatordynamiken). Vor diesem Hintergrund erscheint es höchst fragwürdig, Studierende ausschließlich mit einem statischen Gleichgewichtskonzept und dessen wohlfahrtstheoretischen Ergebnissen zu konfrontieren, wo diese doch in einem dynamischen und realistischeren Setting jegliche Bedeutung verlieren würden.

Wie kann es zum Gleichgewicht kommen?

Angenommen, ein theoretisches Gleichgewicht in der Ökonomie existiert. Wie kann es erreicht werden beziehungsweise unter welchen Umständen ist es eindeutig? Mikroökonomische Lehrbücher tendieren dazu, die damit zusammenhängenden Prozesse auszusparen. Den Studierenden wird zumeist erläutert, dass Angebot und Nachfrage in der Regel im Gleichgewicht seien – wenn sie das nicht wären, würde der Preis bei Überschussangebot sinken und bei Überschussnachfrage fallen, bis der Gleichgewichtspreis realisiert wird. Der Haken an dieser Argumentation ist, dass sie eigentlich eine dynamische Perspektive auf Märkte erfordert, aber die eben erwähnten Anpassungsprozesse spätestens für Märkte mit mehr als zwei Gütern nicht mehr funktionieren (siehe bereits Blatt 1983, Hildenbrand/Kirman 1988). Alternative Preisfindungsmechanismen können zu sehr anderen Ergebnissen führen (siehe zum Beispiel Miller/Tumminello 2015).

Die wohlfahrtstheoretischen Implikationen des kompetitiven Gleichgewichts

Der dritte Punkt betrifft die wohlfahrtstheoretischen Implikationen eines kompetitiven Gleichgewichts. Es ist das Gleichgewicht im vollkommenen Wettbewerb, das in nahezu jedem mikroökonomischen Einführungslehrbuch gebetsmühlenartig auf Beispiele wie den Mindestlohn oder Mietpreisbremsen angewendet wird – trotz fragwürdigen empirischen Belegen (siehe dazu die schöne Zusammenfassung in Myatt 2010, Kapitel 3). Dabei gibt es auch innerhalb der neoklassischen Schule zahlreiche Stimmen, die für eine Ablösung des Modells des vollkommenen Wettbewerbs als Standardmodell plädieren. Stiglitz (2002, S. 477) zum Beispiel argumentiert, dass das Monopolmodell dem Wettbewerbsmodell immer vorzuziehen sei, sobald die kleinsten Informationskosten bestünden. Auch die Argumente von Sraffa (1926) über die fehlende Unabhängigkeit von Angebots- und Nachfragekurve im kompetitiven Modell sind weiterhin gültig und legen die Verwendung eines anderen Standardmodells selbst innerhalb der rein neoklassischen Analyse nahe – mit vollkommen unterschiedlichen wirtschaftspolitischen und wohlfahrtstheoretischen Implikationen (siehe den Beitrag von Hansjörg Herr in diesem Band). Auch die Probleme, die sich aus einer dynamischen Betrachtung von möglichen Gleichgewichten ergeben, haben wichtige wohlfahrtstheoretische Implikationen: So findet bei jedem Anpassungsprozess notwendigerweise auch Handel zu Ungleichgewichtspreisen statt. Da bei Handel mit Nicht-Gleichgewichtspreisen die eine Seite im Vergleich zum Handel beim Gleichgewichtspreis gewinnt und die andere Seite verliert, kommt es in der Folge zu einer Realverschiebung von relativem Vermögen. Dies würde dann nicht nur den Gleichgewichtspreis verändern, es würde wichtige verteilungstheoretische Implikationen beinhalten, die das Konzept von effizienten Gleichgewichten erheblich herausfordern (Albin/Foley 1992; Foley 2010).

Die Kritik des Gleichgewichtskonzepts ist aus einer pluralistischen Perspektive jedoch nur ein erster Schritt: Sie identifiziert Schwächen des neoklassischen Ansatzes und liefert somit – neben grundsätzlichen epistemologischen Argumenten (zum Beispiel Kapeller/Dobusch 2012) – eine Begründung für die Berücksichtigung alternativer Perspektiven, zum Beispiel die der evolutorisch-institutionellen Ökonomik oder der Komplexitätsökonomik, deren Implikationen ausführlicher im Beitrag von Wolfram Elsner in diesem Band diskutiert werden.

Die Einzelrezensionen

Im Folgenden werden zwei US-amerikanische und ein deutsches Lehrbuch diskutiert. Zum einen beschäftigen wir uns mit Hal Varians „Grundzüge der Mikroökonomik“, mittlerweile in der 8. Auflage (2011) im Oldenbourg Verlag erschienen. Der Pearson Verlag verlegt Robert Pindycks und Daniel Rubinfelds „Mikroökonmie“ in der 8. Auflage (2013). Zwischen diesen beiden US-amerikanischen Büchern finden sich deutliche inhaltliche und pädagogische Gemeinsamkeiten.

Das dritte Buch, die „Einführung in die mikroökonomische Theorie“, ist eine deutsche Originalproduktion von Jochen Schumann, Ulrich Meyer und Wolfgang Ströbele. Das Buch ist 2011 in der 9. Auflage im Springer Verlag erschienen.

Alle drei Bücher sind als Einstiegswerke gedacht. Sie adressieren Studierende ohne jegliche Vorkenntnisse in Mikroökonomik. Trotzdem gehen die Inhalte über den Umfang eines Semesters hinaus. Das erlaubt den Leser_innen, selbstständig weiterführende Themen zu vertiefen und zu schauen, „was es sonst noch in der Mikroökonomik zu entdecken gibt“. Im Folgenden wollen wir aber auch kritisch fragen, ob die Bücher den Blick der Studierenden nicht dadurch verengen, dass alles das, „was es noch in der Mikroökonomik zu entdecken gibt“, einem ganz bestimmten Ansatz zuzurechnen ist. Dieses würde das Gefühl, dass mikroökonomische Forschung auf eine ganz bestimmte Art und Weise zu funktionieren hat, nur verstärken.

Hal Varians „Grundzüge der Mikroökonomik“

Varians „Grundzüge der Mikroökonomik“ erfreut sich international enormer Beliebtheit. Varian ist nicht nur einer der einflussreichsten Ökonomen unserer Zeit, sondern widerlegt mit seinem Job als Chefökonom bei Google auch das Vorurteil, Ökonom_innen könnten im praktischen Unternehmensalltag nur wenig Konstruktives beitragen.

Gleich zu Beginn macht Varian den Fokus seines Lehrbuchs deutlich. Er schreibt auf Seite 1:

„Das übliche erste Kapitel eines Mikroökonomiebuchs ist eine Diskussion über ‚Umfang und Methoden’ der Volkswirtschaftslehre. Obwohl diese Thematik sehr interessant sein kann, erscheint es eher unangebracht, das Studium der Ökonomie damit zu beginnen. Der Wert einer derartigen Diskussion ist als eher gering einzuschätzen, bevor man Beispiele angewandter ökonomischer Analyse kennen gelernt hat.“

Ganz falsch ist diese Aussage nicht: Wir können ohne grundlegende Kenntnisse der Gleichgewichtsanalyse nicht über das Gleichgewichtskonzept reflektieren. Allerdings scheint es vor dem Hintergrund der im letzten Abschnitt formulierten theoretischen Vorbemerkungen genauso problematisch zu sein, eine kritische Reflexion unter Berücksichtigung alternativer Herangehensweisen vollständig zu unterlassen.

Schön ist, dass Varian mit einem anschaulichen Beispiel für eine herkömmliche mikroökonomische Analyse beginnt. Er führt in die Idee des Modellierens ein und bietet eine gute Orientierung, belässt es jedoch bei einer dezidiert neoklassischen Perspektive. Hier ist Varian sehr explizit, was die Grundpfeiler dieser Perspektive angeht. So erläutert er, dass das Optimierungs- und Gleichgewichtsprinzip die Grundprinzipien ökonomischer Analyse darstellen. Auch weist er darauf hin, dass das Gleichgewichtsprinzip „ein wenig problematischer“ ist als das Optimierungsprinzip: Ein Auseinanderfallen von Angebot und Nachfrage sei theoretisch möglich und kann durchaus destabilisierend sein (vgl. HV, S. 3). Dies führt er jedoch nicht weiter aus und die oben dargestellten Fakten ignorierend postuliert er schlicht: „Aber üblicherweise geschieht es nicht.“

Kritisch hinterfragt wird im ersten Kapitel ohnehin wenig. Und selbst wenn sein Beispiel vom Wohnungsmarkt illustrativ ist, enthält es keinerlei Verweise auf die oben angesprochenen fundamentalen Probleme einer komparativ-statischen Analyse von Gleichgewichten oder die empirischen Schwierigkeiten des kompetitiven Modells – solche Hinweise sucht man auch später leider vergeblich.

Varian verweist zwar auf die Bedeutung von dynamischen Analysen, vertritt allerdings die vor dem Hintergrund der oben vorgestellten Fakten hochproblematische Auffassung, dass „wir erst einmal gehen lernen müssen, bevor wir laufen“ (HV, S. 9). So taucht der Begriff „Dynamik“ noch nicht einmal im Sachregister auf und keines der oben angesprochenen Probleme findet irgendeine Erwähnung – genauso wenig wie alternative Denkschulen. Die Leser_innen lernen also nicht nur nicht laufen – sie lernen auch nicht, warum es eigentlich wichtig wäre.

Die nächste Begegnung mit dem Gleichgewichtskonzept haben wir erst im sechzehnten Kapitel. Wieder wird die Bedeutung von Gleichgewichtspreisen damit begründet, dass Personen bei der Existenz von Nichtgleichgewichtspreisen ihr Verhalten ändern würden – eine problematische Argumentation, wie wir oben gezeigt haben. Varian interessiert das nicht. Auf Seite 565 (im Zusammenhang mit dem Cournot-Gleichgewicht) stellt er fest, dass die sich aufeinander beziehenden Erwartungen der Unternehmen das Modellieren erschweren, und folgert: „Aus diesem Grund werden wir im Allgemeinen der Frage aus dem Weg gehen, wie das Gleichgewicht erreicht wird, und uns lediglich auf das Problem konzentrieren, wie sich die Unternehmen im Gleichgewicht verhalten.“ Das einzige Mal, dass das Konzept eines Ungleichgewichts direkt thematisiert wird, findet sich in Kapitel 31 („Reiner Tausch“). Allerdings wird hier nur darauf hingewiesen, dass ein „Auktionator“ diese Situation zugunsten eines Gleichgewichts ändern wird – kein Wort zu den oben erwähnten Beweisen, dass selbst dieser unrealistische Prozess nur für das Zweigüterbeispiel funktioniert.

Im Kapitel zu Informationstechnologien sehen wir uns dann das erste (und einzige) Mal mit einer Situation mit mehreren Gleichgewichten konfrontiert: Auf S. 759 ff. wird am Beispiel von Telefonen und Faxen die Notwendigkeit einer dynamischen Analyse beschrieben, da diese eine Aussage darüber erlaubt, welche Gleichgewichte plausibler sind. Ein ähnlicher Prozess wird am Beispiel zweiseitiger Märkte im gleichen Kapitel diskutiert. Leider werden diese eher als Ausnahme von der Regel dargestellt, gemäß derer sich die Ökonomie in einem eindeutigen Gleichgewicht befindet.

Die normative Betrachtung von Gleichgewichten beschränkt sich auf die konventionelle Einführung der beiden fundamentalen Wohlfahrtstheoreme. Keines der oben angesprochenen Probleme wird angesprochen, alternative Ansätze zur wohlfahrtstheoretischen Analyse von Märkten finden keine Erwähnung.

Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass es sich bei Varian um ein (entgegen seines eigenen Anspruchs) oberflächliches Lehrbuch handelt. Das Gleichgewichtskonzept wird erschreckend unreflektiert verwendet und keines der oben angesprochenen theoretischen Probleme wird angemessen erwähnt. Zwar ist das Einführungskapitel recht anschaulich und verdeutlicht den herrschenden Ansatz in der Ökonomik – reflektiert wird der Ansatz später genauso wenig, wie Alternativen zur Gleichgewichtsanalyse auch nur erwähnt werden.

Robert Pindycks und Daniel Rubinfelds „Mikroökonomie“

Pindycks und Rubinfelds „Mikroökonomie“ versteht sich als niedrigschwellige Einführung in die Mikroökonomik und möchte die Leser_innen bei ihren Alltagserfahrungen abholen. Das gegen Ende erreichte Niveau des Stoffs liegt unter dem der beiden anderen hier rezensierten Bücher. Dafür gibt es zahlreiche intuitive, aber leider auch irreführende Beispiele.

Ähnlich wie bei Varian (allerdings ohne dessen grundlegende Einführung in den neoklassischen Ansatz) wird zu Beginn die Angebots- und Nachfrageanalyse eingeführt. Zwar gestehen die Autoren zu, dass einige Märkte nicht schnell geräumt werden. Allerdings sei davon auszugehen, dass eine Tendenz zur Markträumung durchaus bestehe (PR, S. 55). Als Begründung wird angeführt, dass Anbieter und Nachfrager bei Überschuss und Knappheit ihr Verhalten entsprechend ändern würden. Zwar wird deutlich gemacht, dass dieser Mechanismus nur im kompetitiven Marktumfeld funktioniert, allerdings wissen wir aus dem zweiten Teil der Rezension, dass die Mechanismen selbst im kompetitiven Modell hochproblematisch sind. Davon erfahren die Leser_innen hier aber nichts.

Überhaupt bleibt das Buch sehr oberflächlich. In den zahlreichen Beispielen wird weder das grundsätzliche Vorgehen der Gleichgewichtsanalyse reflektiert, noch wird auf die empirischen Probleme, insbesondere des kompetitiven Modells, hingewiesen. Der Bezug auf das kompetitive Marktmodell ist exzessiv, wurde doch dessen praktische Relevanz mittlerweile auch in der (neoklassischen) Forschung zunehmend in Frage gestellt (siehe oben). Vor diesem Hintergrund sind Aussagen wie: „ohne Externalitäten bzw. ohne einen Mangel an Informationen führt ein unregulierter Wettbewerbsmarkt zum wirtschaftlich effizienten Produktionsniveau“ (PR, S. 444) besonders problematisch, insbesondere da Pindyck/Rubinfeld keinen der möglichen Mechanismen thematisieren, die überhaupt zu einem Gleichgewicht führen könnten. Hier zeigt sich die offensichtliche Schwäche eines statischen Ansatzes – da die Autoren das Thema Statik versus Dynamik jedoch an keiner Stelle thematisieren, fehlt jede Möglichkeit, die Leser_innen auf diese potenziellen Schwierigkeiten hinzuweisen.

Das allgemeine Gleichgewicht führen Pindyck/Rubinfeld erst auf Seite 796 ein. Wieder ist der gewählte Einstieg stark narrativ und erneut machen die Autoren keine Aussage über die Mechanismen der Preisanpassung. Es werden die gleichen problematischen Anpassungsprozesse suggeriert wie bei der Partialmarktanalyse. Ähnlich irreführend ist der Umgang mit dem Begriff Ungleichgewicht auf Seite 813. Pindyck/Rubinfeld stellen fest, dass es Preise für Güter gibt, bei denen rationale Individuen nicht gewillt sind, ihre Güter zu tauschen, obwohl sie nicht über die für sie optimale Güterausstattung verfügen. Sie postulieren dann jedoch, dass ein „Ungleichgewicht nur vorübergehend sein sollte“ (PR, S. 814). Wir haben bereits verdeutlicht, dass das Argument, dass sich auf einem Wettbewerbsmarkt die Preise bei Überschussnachfrage oder -angebot sehr bald anpassen würden, theoretisch unfundiert ist.

Die wohlfahrtstheoretische Diskussion des kompetitiven Wettbewerbsmarkts beginnt in Kapitel 9. Hierbei folgen die Autoren dem bekannten Ablauf, zunächst idealtypisch die Effizienz des Wettbewerbsgleichgewichts zu demonstrieren und dann gegen Ende darzulegen, warum ein solches Ergebnis praktisch oft keine direkte Relevanz hat, sondern eher als (normativer?) Referenzpunkt anzusehen ist. Die in den theoretischen Vorbemerkungen dieser Rezension dargelegten Gründe, warum das statische kompetitive Modell genau dieser normative Referenzpunkt nicht sein kann, werden leider nicht diskutiert. Wenigstens sagen die Autoren sehr deutlich, dass ihr idealtypisches Ergebnis keinesfalls bedeutet, dass politische Interventionen per se schlecht seien (etwa PR, S. 443).

Ein negatives Highlight ist das wohlfahrtstheoretische Kapitel 16. Mit Überschriften wie „Die Vorteile des Freihandels“ wird eine normative Nachricht an die Leser_innen übermittelt, die noch vertretbar wäre, wenn danach ein Abschnitt zu den „Nachteilen des Freihandels“ geschrieben worden wäre. Dies ist leider nicht der Fall (siehe den Beitrag von Achim Truger zum Thema Freihandel in diesem Band). Zwar werden am Ende des Abschnitts noch kurz die Punkte aufgezählt, warum Märkte vielleicht nicht kompetitiv sein könnten – diese wirken jedoch eher wie Anhängsel. Hier widerlegen die Autoren ihre eigene Aussage, dass die Volkswirtschaftslehre eine „kalte Wissenschaft“ sei, die ethische Fragen nicht zu ihrem genuinen Forschungsbereich zähle (vgl. PR, S. 448).

Angesichts der Tatsache, dass Pindyck/Rubinfeld keines der selbst in der Neoklassik wohlbekannten Probleme der Gleichgewichtsanalyse angemessen berücksichtigen, erscheint es nicht verwunderlich, dass keine einzige alternative Theorierichtung überhaupt nur erwähnt wird. So fehlt in der durchaus umfangreichen Sammlung weiterführender Literatur am Ende des Buchs jeglicher Hinweis auf alternative oder heterodoxe Literatur. Aufgrund der zahlreichen Schwächen ist Pindycks und Rubinfelds „Mikroökonomie“ nicht für die Verwendung in der Lehre zu empfehlen – das gilt nicht nur für pluralistische, sondern auch für die reflektiert-neoklassische Lehre.

Jochen Schumanns, Ulrich Meyers und Wolfgang Ströbeles „Grundzüge der mikroökonomischen Theorie“

Bereits der erste Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt, dass Schumann et al. den Anspruch haben, mehr als das Standardrepertoire der Mikroökonomik abzudecken: Den üblichen Kapiteln ist ein „Kapitel 0“ vorangestellt, welches das Forschungsfeld der Mikroökonomik beschreibt und Konzepte wie Bedürfnisse, Knappheit, Eigeninteresse, Gleichgewichte und Marktwirtschaft explizit einführt. Im Vorwort zur 7. Ausgabe machen die Autoren klar, dass es ihr Anspruch ist, über die neoklassische Theorie hinauszugehen.

Im Gegensatz zu Varian und Pindyck/Rubinfeld weisen sie regelmäßig auf die Bedeutung der teils sehr problematischen Annahmen hin. So schreiben die Autoren bei der Beschreibung eines volkswirtschaftlichen Kreislaufs, dass die abgebildeten Angebots- und Nachfragekurven auf der Annahme beruhen, „dass auf allen übrigen Märkten bereits Gleichgewicht herrscht und dass deren Gleichgewichtspreise diejenigen sind, die für den betrachteten Markt als gegeben unterstellt werden“ (SMS, S. 31–32). Das totale Konkurrenzgleichgewicht ist für sie daher nur ein Exempel, das belegt, dass marktwirtschaftliche Koordination grundsätzlich möglich ist. Direkt im Anschluss diskutieren die Autoren kurz die Implikationen einer Störung des Gleichgewichts, verweisen hier jedoch auf spätere Kapitel. Dass einige Schwierigkeiten des Gleichgewichtskonzepts bereits an dieser Stelle eingeführt werden, wird den Leser_innen hoffentlich zu einem reflektierteren Umgang mit diesem volkswirtschaftlichen Konzept verhelfen.

Im Anschluss an das Einführungskapitel führen Schumann et al. in die neoklassische Mikroökonomik ein. Sie tun dies auf einem intellektuell deutlich anspruchsvolleren Niveau als Pindyck/Rubinfeld und Varian und erwähnen immer wieder mögliche Abweichungen von den Standardannahmen. So werden zum Beispiel externe Effekte unter dem Titel „Nachfrageinterdependenzen“ von Anfang an mit berücksichtigt und beispielsweise soziale Nachahmungsprozesse („Veblen Effekte“) bei der Bestimmung der Nachfrage eingehend diskutiert (siehe den Beitrag von Till van Treeck zum Menschenbild in diesem Band).

Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, dass Schumann et al. auf S. 220 ff. Aussagen zu den konkreten Mechanismen machen, die notwendig sind, damit – selbst auf einem Markt mit vollständiger Konkurrenz – das Marktgleichgewicht entstehen kann. So werden die Studierenden mit Walras’ tâtonnement vertraut gemacht und lernen Edgeworths Idee des recontracting kennen. Leider verschenken Schumann et al. hier trotzdem großes Potenzial: Sie belassen es dabei, den Studierenden mit den möglichen Schwierigkeiten des neoklassischen Ansatzes zu konfrontieren, geben aber keinen Hinweis auf grundsätzlich andere Herangehensweisen in der Ökonomik, die auf das Gleichgewichtskonzept verzichten.

Positiv ist, dass in Kapitel 3 zum Konkurrenzmarkt auch Probleme der Existenz, Eindeutigkeit und Stabilität des Konkurrenzgleichgewichts eingehend thematisiert werden. Insbesondere wird auf die Notwendigkeit einer dynamischen Analyse hingewiesen und die Konzepte der Walras- und Marshall-Stabilität werden eingeführt. Die Ausführungen über die Natur des Gleichgewichts sind an dieser Stelle interessant, allerdings leider sehr kurz gehalten. Aus einer pluralistischen Perspektive hätte man sich hier die Erwähnung von alternativen Herangehensweisen gewünscht.

Schön ist, dass auf S. 231 das Spinngewebe-Modell eingeführt wird. Das verdeutlicht den Studierenden die Bedeutung der zeitlichen Abfolge von Angebots- und Nachfrageanpassungen. Auch die Einführung von verschiedenen Marktformen (Kassamärkten, Terminmärkten) im darauffolgenden Abschnitt vermittelt den Leser_innen einen reflektierteren Einblick in die Welt der Märkte als in Varian und Pindyck/Rubinfeld.

Die normative Analyse des Konkurrenzgleichgewichts fällt dann leider sehr klassisch aus. Die Autoren betonen jedoch, dass das Gleichgewicht ohne direkten Bezug zur Wohlfahrtsbetrachtung dieses Gleichgewichts entwickelt wurde. Schumann et al. machen auch deutlich, dass die Pareto-Optimalität des Gleichgewichts sehr fragil ist und zum Beispiel bei der Existenz externer Effekte nicht mehr zwangsläufig gegeben sei.

Das für unser Thema interessanteste Kapitel trägt die vielversprechende Überschrift „Neue Mikroökonomik und Ungleichgewichtstheorie“. Hier führen die Autoren in die sogenannte Neue Mikroökonomik ein, die „konstatiert, dass in der realen Welt die Nichtübereinstimmung von Angebots- und Nachfragemenge zu einem herrschenden Preis eine normale Erscheinung ist“ (SMS, S. 460). Allerdings fehlt auch hier jeder Verweis auf eine der zahlreichen nicht-orthodoxen Theorieschulen, die die Analyse von Ungleichgewichten zu ihrem zentralen Forschungsobjekt gemacht haben (zum Beispiel die Komplexitätsökonomik oder der originäre Institutionalismus).

Schumann et al. stellen danach richtigerweise fest, dass die Neue Mikroökonomik sich zwar gerne als „Ungleichgewichtstheorie“ versteht, dieses Label genau genommen jedoch nicht zutreffend ist: Das mangelnde Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage ist immer ein Resultat der rationalen Entscheidungen ihren Nutzen maximierender Individuen. Im Hintergrund steht immer der Referenzpunkt eines potenziellen Gleichgewichts.

Anders verhält es sich nach Auffassung der Autoren mit einer bestimmten Interpretation von Keynes, bei der tatsächlich regelmäßig Transaktionen zu Nicht-Gleichgewichtspreisen stattfinden. Dieses Beispiel wird ausführlich diskutiert. Am Ende stellen die Autoren richtigerweise fest: „Während die Neue Mikroökonomik als neoklassische Fortführung der traditionellen Gleichgewichtstheorie eines funktionierenden Markmechanismus zu deuten ist, ist die Ungleichgewichtstheorie als Versuch anzusehen, Gründe für ein Nichtfunktionieren dieses Mechanismus zu erkennen und wirtschaftspolitische Maßnahmen für eine verbesserte Funktionsweise vorzuschlagen.“ (SMS, S. 473)

Es ist an dieser Stelle bedauerlich, dass dieses Kapitel nur so wenig Aufmerksamkeit erhält. Es zeigt sich hier, dass trotz aller Reflexion Schumann et al. ein Lehrbuch darstellt, das zuallererst das Handwerkszeug der neoklassischen Mikroökonomik vermitteln soll. Dabei ist es angenehm reflektiert, unterschiedliche Denkschulen – mit Ausnahme der Neuen Institutionenökonomik – erfahren allerdings kaum Berücksichtigung.

Fazit

Bei allen drei Büchern handelt es sich in erster Linie um Einführungen in die neoklassische Mikroökonomik. Einzig Schumann et al. nehmen für sich in Anspruch, über die Neoklassik hinauszugehen, und kommen diesem im Vorwort gegebenen Versprechen auch in vieler Hinsicht nach. Fast alle kritischen Punkte bezüglich des Gleichgewichtskonzepts, die wir in den theoretischen Vorbemerkungen aufgegriffen haben, werden berücksichtigt (bezüglich der Verwendung des Optimierungskonzepts siehe den Beitrag von Torsten Heinrich in diesem Band). Für eine Einführung in die neoklassische Mikroökonomik ist Schumann et al. daher durchaus empfehlenswert. Varian und Pindyck/Rubinfeld können dagegen nicht empfohlen werden, wobei die Bewertung für Varian wegen der etwas informativeren Einführung und dem Kapitel zu Informationstechnologien noch besser ausfällt als für Pindyck/Rubinfeld.

Aus einer pluralistischen Perspektive verspielen letztendlich aber auch Schumann et al. viel Potenzial: Das Lehrbuch zeigt Schwächen und Probleme des herrschenden Ansatzes zwar an vielen Stellen auf, verpasst es allerdings, auf alternative Herangehensweisen zumindest zu verweisen (geschweige denn sie einzuführen).

 

Literatur

Albin, P./Foley, D. (1992): Decentralized, dispersed exchange without an auctioneer. A simulation study. In: Journal of Economic Behavior and Organization 18, Nr. 1, S. 27–51.

Blatt, J. (1983): Dynamic Economic Systems: a post-Keynesian approach, Armonk: M.E. Sharpe.

Debreu, G. (1974): Excess Demand Functions. In: Journal of Mathematical Economics 1, Nr. 1, S. 15–23.

Foley, D. (2010): What’s wrong with the fundamental existence and welfare theorems? In: Journal of Economic Behavior and Organization 75, Nr. 2, S. 115–131.

Gintis, H. (2006): The Emergence of a Price System from Decentralized Bilateral Exchange. In: Contributions to Theoretical Economics 6, Nr. 1, S. 1–15.

Hill, R./Myatt, T. (2010): The economics anti-textbook, London: Zed Books.

Kapeller, J./Dobusch, L. (2012): Heterodox United vs. Mainstream City? Sketching a framework for interested pluralism in economics. In: Journal of Economic Issues 46, Nr. 4, S. 1035–1057.

Kirman, A./Koch, K. (1986): Market Excess Demand in Exchange Economies with Identical Preferences and Collinear Endowments. In: The Review of Economic Studies 53, Nr. 3, S. 457–463.


Mandel, A./Gintis, H. (2016): Decentralized Pricing and the equivalence between Nash and Walrasian equilibrium. In: Journal of Mathematical Economics 63, S. 84–92.

Mas-Collell, A./Whinston, M./Green, J. (1995): Microeconomic Theory, New York etc.: Oxford University Press.

Miller, J./Tumminello, M. (2015): Bazaar economics. In: Journal of Economic Behavior & Organization 119, S. 163–181.

Sraffa, P. (1926): The laws of return under competitive conditions. In: The Economic Journal 36, Nr. 4, S. 535–550.

Stiglitz, J. (2002): Information and the Change in the Paradigm in Economics. In: The American Economic Review 92, Nr. 3, S. 460–501.

1Der Grund dafür ist, dass ein System ein nicht-stabiles Gleichgewicht bei dem kleinsten Schock sofort wieder verlassen wird.