Die Umwelt retten: Keine Held*innentat, sondern Selbsterhaltung

Die Umwelt retten: Keine Held*innentat, sondern Selbsterhaltung

Foto: Félix Prado | Unsplash

Ramona Schmidt
Netzwerk Plurale Ökonomik
Level: leicht
Perspektiven: Ökologische Ökonomik, Feministische Ökonomik, Marxistische Politische Ökonomik
Thema: Kapitalismuskritik, Race & Gender, Reflexion der Ökonomik, Ressourcen, Umwelt & Klima, Soziale Bewegungen & Transformation
Format: Essay

           


Dieser Artikel wurde auf Agora42 erstveröffentlicht. In der Kolumne Jenseits von Angebot und Nachfrage nehmen Autor*innen aus dem Netzwerk Plurale Ökonomik die fachlichen Scheuklappen der Lehrbuchökonomie ab und werfen einen pluralökonomischen Blick auf gesellschaftspolitische Fragestellungen.

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„How we tell stories of our past, and how we respond to the challenges of the present, are intimately connected.“- Jason W. Moore

Müssen wir wirklich die Natur retten?

Natürlich! Heute mehr als gestern – und morgen erst recht. Und dennoch transportiert die Frage ein Problem, welches ich in diesem kurzen Beitrag diskutieren möchte. Denn sie setzt voraus, dass wir (Menschen) die Natur retten müssen. Die Frage trennt Menschen also kategorial von der Natur. Hierdurch erscheint die Rettung als etwas, das man unter Umständen auch bleiben lassen könnte (da war halt nichts mehr zu machen…), oder sogar als Held*innentat – keineswegs aber als Notwendigkeit. Mit dieser Perspektive nehmen wir nicht wahr, dass wir dabei sind, unsere Existenzgrundlagen zu zerstören. Es geht also nicht um Held*innentum, sondern um Selbsterhaltung und die Sicherung unserer Existenzgrundlagen. Damit uns das gelingen kann, brauchen wir nicht nur eine CO2-Steuer und ein Inlandsflugverbot, wir müssen viel eher unser Denken und unsere Perspektive auf die Welt hinterfragen, denn dass wir uns sprachlich und damit auch gedanklich von unserer „Umwelt“ trennen, ist ein Problem. Wie wir uns verhalten und was wir überhaupt als mögliche Handlungsoptionen wahrnehmen, ist abhängig davon, nach welchen Denkmustern wir die Welt erfassen. Sie helfen uns, uns in der Welt zu verorten. Und kaum etwas können wir aktuell so gut gebrauchen wie mehr Handlungsspielraum. Um unsere Denkgewohnheiten zu hinterfragen und ggf. zu sogar ändern, müssen wir sie uns aber zunächst bewusst machen.

Kategorien mit Geschichte aber ohne Notwendigkeit

„Ich denke also bin ich.“ Vielen ist dieser geschichtsträchtigen Satz des französischen Philosophen René Descartes bekannt. Der Ausspruch steht symbolisch für das Denken der Aufklärung, welches analytisch die Welt begreifen, die Abläufe als mechanische Prozesse erfassen und somit den Menschen von den Naturgewalten unabhängig zu machen versuchte. Mit dieser Revolution im Denken erhält der Mensch nicht nur das Potential, sondern auch die Legitimation zur Herrschaft über eine als uns äußerlich vorgestellte Natur. Anknüpfend an diese kategoriale Trennung der Natur von Kultur entwickelt sich ein Denken in hierarchisch geordneten Dualismen, welches vielen andere Kulturen fremd ist. Mit der Kolonialisierung hat sich das europäische Denken über den Globus verbreitet. Das dualistische Denken zeigt sich in Unterscheidungen wie Mann / Frau, Freiheit / Abhängigkeit, Rationalität / Emotionalität, Öffentlichkeit / Privatheit, Zivilisation / Wildheit etc. Entsprechend finden sich Natur, Frauen, Abhängigkeit, Emotionalität, Privatheit, Wildheit – ich glaube, die mit den Dualismen verbundenen tendenziösen Wertsetzungen und Abwertungen werden deutlich.

Was uns die feministische Ökonomie zeigen kann

Die Entwicklung einer Kritik dieser Denkweisen ist vor allem der feministischen Theorie zu verdanken. Denn, wie unter anderem die radikale Feministin, Aktivistin und Professorin für politische Philosophie und internationale Politik Silvia Federici gezeigt hat, machen diese Dualismen die Arbeit von Frauen vielerorts unsichtbar und stabilisieren somit patriarchale Strukturen. Frauen erscheinen in der Folge als Männern unterlegen und selbstverständlich für reproduktive Arbeiten (Kinder erziehen, alte Menschen Pflegen, Kochen, den Haushalt schmeißen) zuständig zu sein. Federici macht in ihrem Buch „Caliban und die Hexe“ deutlich, dass die Hexenverfolgung zu einer Disziplinierung von Frauen beigetragen hat, die im 19. Jahrhundert ein neues Bild von Weiblichkeit hervorbrachte. Erst zu diesem Zeitpunkt entstand ein gesellschaftlich anerkanntes Bild einer idealen Frau als passiv, fügsam, sparsam, wortkarg, stets beschäftigt und keusch. Es brauchte über hundert Jahre feministischer Kämpfe, um dieses Rollenbild ins Wanken zu bringen.

Die feministische Ökonomik versetzt uns dazu in die Lage, die noch heute meist von Frauen geleistete reproduktive Arbeit sichtbar zu machen und ihre eigentliche Bedeutung anzuerkennen. Die Ökonomin Mascha Madörin berechnete 2016, dass in der Schweiz der Wert der unbezahlten Arbeit ca. 400 Mrd. Franken betrug, während der Konsum der privaten Haushalte, der zur Berechnung des BIP herangezogen wird, nur knapp 340 Mrd. Franken betrug. Somit kommen im Rahmen des BIP, dem nach wie vor dominierenden Werkzeug zur Messung gesellschaftlichen Wohlstands, die für die gesellschaftliche Produktion notwendigen reproduktiven Arbeiten überhaupt nicht vor!

Ohne Notwendigkeit aber dennoch nicht zufällig

Das oben angesprochene binäre Denkmuster beschreibt Frauen als ‚natur-näher‘. Im Gegensatz zu Männern wären sie kaum in der Lage, rational zu denken und ließen sich viel eher von ihren Emotionen leiten. Dies ermöglichte es patriarchalen Gesellschaften, Frauen ihre Mündigkeit abzusprechen, ihnen politische Rechte vorzuenthalten und ihre Arbeitskraft auszubeuten. Doch nicht nur die Ausbeutung von Frauen wurde mit der Zuschreibung legitimiert, ‚näher an der Natur‘ zu sein. Indem der Kolonialismus indigenen Gruppen ebenfalls die Vernunftbegabung abgesprochen hat und sie zu „Wilden“ erkläre, schuf er die ideologische Rechtfertigung für Unterdrückung, Sklaverei und Genozide.

Der moderne Kapitalismus baut auf einer Geschichte von Gewalt auf, zumindest das sollten wir anerkennen. In der ökologischen Bewegung, in anti-rassistischen Kämpfen und feministischen Bewegungen zeigt sich, dass eine Aufarbeitung stattfindet und immer mehr in der Mitte der Gesellschaft ankommt. Wichtig ist aber auch, dass wir diese Kämpfe nicht mehr als getrennt voneinander betrachten, sondern verstehen, dass sie die Art in Frage stellen, wie wir global unseren Wohlstand generieren und verteilen. Dem Soziologen, Geographen und Politikwissenschaftler Jason W. Moore zufolge fußt unsere kapitalistische Produktionsweise auf der kategorialen Trennung von Gesellschaft und Umwelt – diese Trennung ist eine gesellschaftliche Idee, die aber reale beziehungsweise materielle Folgen hat. Nur indem Menschen Teile der Welt zu einem von ihnen losgelöstes und nicht mit Rechten ausgestattetes ‚Außen‘ erklären (dazu gehören und gehörten, wie ich zu zeigen versucht habe, strukturell auch Frauen und Menschen des globalen Südens), ist eine achtlose Ausbeutung und Aneignung der Arbeit anderer und der nichtmenschlichen Mitwelt legitimiert. Nach Moore handelt es sich hierbei um eine binäre Gewalt, die vor allem dazu dient, Profite zu ermöglichen und damit Herrschaftsverhältnisse zu sichern.

Handlungsfähigkeit nicht trotz, sondern wegen Komplexität

Festgefahrene Denkmuster, Ideologie, ausbeuterische gesellschaftliche (Re)Produktion und ungerechte gesellschaftliche Kräfteverhältnisse sind miteinander verbunden und bedingen sich wechselseitig. Wir müssen uns diese Zusammenhänge bewusst machen, um ein System zu überwinden, welches im Kern auf der Ausbeutung von Mensch und Mitwelt aufbaut, welches den Profit der Wenigen über das Leben und die Mündigkeit der Vielen setzt. Durch die Klimakrise gelangen die Folgen dieses Systems wieder in den Aufmerksamkeitshorizont der Menschen des globalen Nordens – von uns. Schon früher wäre eine Systemänderung nicht held*innenhafte Rettung, sondern bestenfalls keine unterlassene Hilfeleistung gewesen. Heute aber ist es eine Frage der Selbsterhaltung.

Um aber handeln zu können und nicht in Schockstarre zu verharren, müssen wir die Abhängigkeiten und Zusammenhänge unserer globalisierten Welt anerkennen. Hier ist die klassische ökonomische Lehre mit ihrem eindimensionalen Nutzen-Begriff und mangelnden Betrachtung der Komplexität externer Effekte unzureichend. Erst, wenn wir eine Vielzahl ökonomischer Perspektiven miteinbeziehen, wie die feministische, die ökologische oder die marxistische Ökonomik, und interdisziplinär arbeiten lernen, können wir die Verwobenheit unserer Welt erkennen und somit zu einem System beitragen, welches auf sozialer und ökologischer Gerechtigkeit aufbaut und diese im Denken und Handeln verankert.


Ramona Schmidt studiert den Master Ökonomie und Gesellschaftsgestaltung an der Cusanus Hochschule und hat längere Zeit für das Netzwerk Plurale Ökonomik e.V. gearbeitet. Darüber hinaus engagiert sie sich für Klimagerechtigkeit und wünscht sich eine emanzipatorische gesellschaftliche Transformation. Besonders interessiert sie sich für Mensch-Natur-Wirtschaftsverhältnisse sowie die Trennung von Stadt und Land.


Von der Autorin empfohlen:

SACH-FACHBUCH   ROMAN   FILME
Raj Patel & Jason W. Moore: A History of the World in Seven Cheap Things. A guide to Capitaism, Nature, and the Future of the World (University of California Press, 2017)
Silvia Federici: Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation (Mandelbaum Verlag, 2012)
  Virgnia Woolf: A Room Of One’s Own (Erstv. 1929)   The Wire (David Simon, 2002-2008)

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