Verhaltensökonomik

Autoren: Felix Kersting und Daniel Obst
Akademischer Review folgt

1. Kernelemente

Die Verhaltensökonomik ist ein noch junger Bereich der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft, der sich traditionell mit den Abweichungen menschlichen Verhaltens vom Modell des homo oeconomicus befasst. Das Verhalten ist nicht ausschließlich, wie in vielen Modellen im Mainsteam der Volkswirtschaftslehre, durch ein rationales Kalkül bestimmt. Stattdessen wird in der verhaltensökonomischen Forschung menschliches Entscheidungsverhalten beispielsweise mit sozialen Präferenzen, Heuristiken und Normen erklärt. Dabei werden Abweichungen vom rationalen Kalkül als „non-standard“ (der Standard ist Neoklassik) oder „biased“ eingeführt. Erkenntnisse werden hauptsächlich aus Feld- und Laborexperimenten gewonnen. Weiterhin werden Erkenntnisse angrenzender Disziplinen (Psychologie, Sozialwissenschaften, Neurowissenschaft, Kognitionswissenschaft etc.) genutzt und auf die ökonomische Disziplin übertragen, um menschliches Verhalten besser erklären zu können.

2. Begriffe, Analysen, Konzeption der Wirtschaft

Die Verhaltensökonomik hat grundsätzlich keine starken theoretischen oder normativen Annahmen wie ein Wirtschaftssystem funktioniert oder zu funktionieren hat. Stattdessen werden bestehende ökonomische Strukturen, sowie auch prominente (neoklassische) ökonomische Theorien mit Bezug auf Fragen des menschlichen Verhaltens untersucht und überprüft (Weber und Dawes 2010, S. 91). Der Fokus der Verhaltensökonomik liegt also auf dem beobachtbaren Verhalten von Menschen. Dementsprechend beziehen sich die zentralen Konzepte vor allem auf Menschen und ihre Entscheidungen. Dem Menschen wird dabei ein duales System (Kahneman 2011) bei Entscheidungen zugeschrieben: Das intuitive System wird als schnell, mühelos und schwankend in seinen Leistungen beschrieben, während das denkende System aufwendiger, zuverlässiger und langsamer ist. Wegen der Abweichungen des intuitiven Systems von den Vorhersagen des rationalen Verhaltensmodells gelten Menschen als begrenzt rational. Da das Verhalten aber grundsätzlich systematisch vom rationalen Modell des homo oeconomicus abweicht und sich daher auch in gewissem Maße voraussagen lässt, spricht man in der Regel nicht von irrationalem Verhalten. Ausgehend von der neoklassischen Entscheidungstheorie entwickelt der Verhaltensökonom Matthew Rabin (2002) drei Abweichungen von der neoklassischen Erwartungsnutzentheorie, die seitdem maßgeblich für eine Differenzierung verhaltensökonomischer Forschung sind. Rabin unterscheidet „non-standard preferences“, „non-standard beliefs“ und „non-standard decision making“ (diese drei  beziehen sich dabei auf jeweils einen Teil der mathematischen Funktion in der neoklassische Erwartungsnutzentheorie), die nachfolgend erläutert werden. Dabei besteht nicht der Anspruch auf Vollständigkeit aller Beispiele, vielmehr werden stets zwei Beispiele erläutert (siehe für weitere Beispiele DellaVigna 2009):

  • non-standard preferences (betrifft die Elemente, die Teil der Nutzenfunktion sind):
    • Social preferences: Dazu gehört Evidenz für Altruismus und Reziprozität. Beispiel: Menschen ist nicht nur wichtig, wie viel sie selbst bekommen, sondern auch die Verteilung (Fehr und Schmidt 1999, Bolton und Ockenfels 2000).
    • Time preferences: Menschen diskontieren nicht konsistent über die Zeit, sondern weisen oftmals eine Präferenz für die Gegenwart auf, weswegen Entscheidungen in Bezug auf künftige Spar- oder Investitionsvorhaben von den neoklassischen Vorhersagen abweichen (Frederick, Loewenstein und O'Donoghue 2002).
  • non-standard beliefs (betrifft   den Teil des Entscheidungsprozesses, in dem Wahrscheinlichkeiten miteinbezogen werden müssen):
    • Overconfidence: Menschen neigen dazu, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen. Studierende gehen alle davon aus, überdurchschnittlich abzuschließen (was nicht möglich ist), ebenso geht es aber auch Manager*innen von großen Unternehmen (Malmendier und Tate 2005).
    • The law of small numbers: Menschen neigen dazu, von einer kleinen Stichprobe auf die Grundgesamtheit zu schließen. Beispiel: Wenn eine Fondsmanagerin oder ein Fondsmanager drei Jahre besser als der Marktdurchschnitt abschneidet, bedeutet das nicht, dass dies in den Folgejahren wieder der Fall sein wird.
  • non-standard decision-making (betrifft die Entscheidungsmaxime, als Standard gilt Maximierung):
    • Framing: Entscheidungen hängen nicht nur vom erwarteten Ergebnis ab, sondern auch von der Art und Weise, wie das Ergebnis präsentiert wird. Beispiel: Ärzt*innen neigen dazu, ein riskantes Medikament eher einzusetzen, wenn es mit den Worten “rettet 90 von 100 Menschen” als mit den Worten „tötet 10 von 100 Menschen” beworben wird (Tversky und Kahneman 1981).
    • Heuristics: Menschen bedienen sich verschiedenster Daumenregeln, um schnell zu Entscheidungen zu kommen. Beispiel: Die Availability Heuristic beschreibt das Überschätzen von Wahrscheinlichkeiten bei kognitiver Verfügbarkeit eines Ereignisses. Beispiel: Menschen überschätzen nach einem Flugzeugabsturz, über den weltweit medial berichtet wird, die Wahrscheinlichkeit eines Flugzeugabsturzes im Vergleich zu Zeiten, in denen kein Unfall passiert (Thaler und Sunstein 2008).

Die Differenzierung von Rabin zeigt deutlich die Orientierung am Mainstream der Wirtschaftswissenschaften, indem stets von non-standard gesprochen wird. Damit erhebt diese Form von Verhaltensökonomik den Anspruch erstens bessere Theorien generieren zu können, zweitens bessere Vorhersagen machen zu können und drittens bessere Politikempfehlungen geben zu können (Camerer und Loewenstein 2004).

Es ist umstritten, welchen Einfluss die genannten Erkenntnisse auf eine Entscheidungstheorie haben sollen. Einige Forscher*innen erweitern die neoklassische Erwartungsnutzentheorie einfach um verhaltensökonomische Erkenntnisse: So bleibt das Nutzenmaximierungskonzept in der Prospekt-Theorie von Kahneman und Tversky (1979) grundsätzlich bestehen, allerdings werden beispielsweise Verluste doppelt so stark gewichtet wie Gewinne. Gleichwohl gibt es auch Konzepte, die sich weniger stark an der neoklassischen Entscheidungstheorie orientieren. Dazu gehört die Forschung zu sozialen Normen: Erwartungen anderer Menschen an das eigene individuelle Verhalten wirken sich direkt auf das eigene Verhalten aus. Auf theoretischer Ebene setzt sich die Verhaltensökonomik neben dem neoklassischen Rational Choice Ansatz auch mit Konzepten der Soziologie und Sozialpsychologie auseinander, die andere wissenschaftstheoretische Grundannahmen zugrunde legen (Bicchieri und Muldoon 2011). Die Wirkung sozialer Normen wird in einigen Studien dazu verwendet, um eine Verhaltensänderung (behavioral change) herbeizuführen, zum Beispiel um Energie zu sparen (Allcott 2011).

3. Ontologie

Der Fokus auf menschliches Verhalten macht das Individuum zum zentralen Objekt der Analyse der Verhaltensökonomik. Jedoch wird das menschliche Verhalten auf ontologischer Ebene komplexer gefasst als im klassischen Mainstream. Während die Neoklassik den reduktionistischen Idealtyp des homo oeconomicus mit stabilen geordneten Präferenzen über ein Güterbündel in ihren Modellen voraussetzt, bestimmen in der Verhaltensökonomik Regeln, Heuristiken, Überzeugungen, Wünsche, Launen, Emotionen etc. das Verhalten der Individuen (Angner 2014). Das führt zu systematischen Abweichungen vom neoklassischen Idealtyp. Unklar bleibt jedoch, worauf diese Abweichungen auf ontologischer Ebene zurückzuführen sind. Einerseits erklären einige Ansätze Abweichungen durch allgemeine Regularitäten auf der Ebene des Individuums, womit eine reduktionistische Erklärung vorliegt. Andererseits existieren auch Ansätze, wie die Forschung zu sozialen Normen, die den Kontext in Bezug auf individuelle Entscheidungen betonen. Auch die Frage, ob Präferenzen im Menschen selbst verankert sind (methodologischer Individualismus mit stabilen Präferenzen) oder ob sie nicht vielmehr durch äußere Faktoren beeinflusst und verändert werden, ist Teil einer aktuellen Debatte (siehe Abschnitt 7).

Als zentrales ökonomisches Problem wird häufig die Knappheit von Ressourcen verstanden. Daraus folgt oft die Fragestellung, unter welchen Bedingungen sich Menschen wie der homo oeconomicus verhalten, um ein effizientes Ergebnis herbeizuführen (Frank, Bernanke 2004, S. 4). Des Weiteren erkennt die Verhaltensökonomik eine kognitive Knappheit an, sodass Entscheidungen durch Limitierungen menschlichen Denkens begrenzt rational sind (Mullainathan and Sharif 2013).

Weiterhin wird Unsicherheit als ein wichtiger Faktor verstanden. Man geht davon aus, dass Menschen in unsicheren Entscheidungssituationen nicht die optimale Wahl nach rationalem Kalkül berechnen, sondern sich gewisser Entscheidungsheuristiken bedienen. Im Gegensatz zu neoklassischen Ansätzen untersucht die Verhaltensökonomik dabei auch Entscheidungen unter fundamentaler Unsicherheit, bei der die Höhe des Risikos unbekannt bleibt (Tyszka 2015, S. 12).

Zeitliche Abläufe sind in den meisten Theorien und Modellen eher statisch bestimmt. Zwar weisen auch zeit-inkonsistente Präferenzen eine gewisse Dynamik auf, jedoch ist das Ergebnis dieser Dynamiken nicht grundsätzlich offen oder unbestimmt (siehe z.B. Frederick, Loewenstein, O‘Donoghue, 2002). Allerdings bekennen sich verschiedene Ansätze dazu, dass die Vergangenheit und gegenwärtige Referenzpunkte auf dynamische Weise das zukünftige Verhalten beeinflussen (zum Beispiel Prospect Theory von Kahneman und Tversky 1979).

4. Epistemologie           

Verhaltensökonomie geht davon aus, dass Verhalten, das dem homo oeconomicus zugeschrieben wird, keine geeignete Grundlage darstellt, um das menschliche (Entscheidungs-)Verhalten – als zentrales Thema der Verhaltensökonomie – zu beschreiben. Ansatzpunkt ist stattdessen die reale Welt, in der mit Hilfe von Experimenten Theorien und Hypothesen getestet werden (siehe Methodologie). Die deskriptive Orientierung entspricht demzufolge einem epistemologischen Realismus, in dem davon ausgegangen wird, dass menschliches Verhalten relativ problemlos von Wissenschaftler*innen beobachtet und beschrieben werden kann. Fragestellungen mit Bezug auf die Wissensproduktion und selbstreferentielle Dynamiken von Wissenschaft und wissenschaftlichen Konzepten, die in konstruktivistischen Ansätzen oft thematisiert werden, spielen in der Verhaltensökonomik keine große Rolle, wenngleich die Anwendung verhaltensökonomischen Wissens auch von Forscher*innen aus dem Feld selbst vorangetrieben wird (siehe 6. Ideology and Political Goals).

Hinsichtlich der Einordnung von empirischen Ergebnissen fungiert das angenommene Verhalten des homo oeconomicus als Benchmark, an dem beobachtbares Verhalten gemessen wird. Deutlich wird dies beispielsweise, wenn Daniel Kahneman (2003, S. 1449) in seiner Nobel-Gedächtnispreisrede davon spricht, dass sein Vorhaben in „exploring the systematic biases that separate the beliefs that people have and the choices they make from the optimal beliefs and choices assumed in rational-agent models“ liege. Dieses Vorgehen erlaubt festzustellen, wann sich der Mensch wie ein homo oeconomicus verhält und wie groß die Abweichungen ausfallen (Angner 2014). In dem Anspruch, die Differenz zwischen beobachtbaren Verhalten und dem als ideal angesehenen Verhalten mit Hilfe präskriptiver Theorien zu reduzieren, zeigen sich auch konstruktivistische Elemente (siehe z.B. Nudging von Thaler und Sunstein (2008)).

Aus dem Fokus auf das Objekt menschlichen Verhaltens in ökonomischen (Entscheidungs-)Situationen einerseits, der theoretischen Einordnung in das Theoriengebäude arrivierter (neoklassischer) ökonomischer Theorie andererseits, ergibt sich ein Spannungsfeld. In diesem steht die Verhaltensökonomik als eine vom Interesse für ein bestimmtes Forschungsobjekt und zugleich von theoretischen Überlegungen bestimmte Perspektive (siehe auch Punkt 8).

5. Methodologie

Der methodische Schwerpunkt der Verhaltensökonomik liegt auf Experimenten. Dabei kann zwischen Labor- und Feldexperimenten unterschieden werden. Hierbei wird stets lediglich das gemessene Verhalten als Grundlage der Analyse genutzt, qualitative Untersuchungen stellen eine Ausnahme dar. Während zu Beginn Laborexperimente noch dominierten, gewinnen Feldexperimente immer mehr an Bedeutung (eine Übersicht dazu findet sich bei DellaVigna 2009). Hinzu kommen zunehmend auch neurowissenschaftliche Messungen. Oft ist das Ziel der Methodologie kausale Effekte zu bestimmen. Durch das häufig angewandte Experimentaldesign mit randomisierten Treatment- und Kontrollgruppe soll eine kontrafaktische Situation möglichst nah nachgestellt werden, um so den Effekt einer Maßnahme oder einer Situationsänderung isolieren zu können. Deutlich orientiert sich die Methodologie an einem naturwissenschaftlichen Ideal. Die Erkenntnisse empirischer Untersuchungen dienen unter anderem dazu, bereits bestehende volkswirtschaftliche Modelle zu erweitern.

Die Hypothesengewinnung folgt keinem einheitlichen Muster. Einerseits impliziert die empirische Ausrichtung am beobachtbaren Verhalten durchaus eine induktive Vorgehensweise (und wird zum Teil auch gefordert: „Let the data tell you what is going on, both in empirical work and in theory development“ (Thaler 2016b)). Andererseits werden Hypothesen durchaus am deduktiven Konstrukt des homo oeconomicus und seinen abgeschwächten Formen abgeleitet.

6. Ideologie und politische Ziele

Ziel verhaltensökonomischer Forschung ist es, mehr Wissen über menschliches Entscheidungsverhalten zu gewinnen, auch um gesellschaftliche Phänomene (z.B. Investitionen in die private Altersvorsorge, Finanz-, Gesundheits- und Bildungsentscheidungen) besser, meist im Sinne des normativen Ideals von rational choice, politisch gestalten zu können: nicht als ökonomisch-rational erachtetes Verhalten soll durch Eingriffe inkrementell reduziert werden. Als probates Mittel gelten dabei Nudges (Thaler und Sunstein 2008), die in Form von kleinen Schubsern (seien es Default-Einstellungen für Rentenversicherungen oder die Anordnung von Gemüse in Cafeterien oder besserer Darstellung von Informationen) Menschen dazu bringen sollen, sich so zu entscheiden, als würde beispielsweise begrenzte Rationalität oder mangelnde Selbstkontrolle nicht vorliegen. Dabei wird angenommen, dass diese Entscheidungen auch von den Menschen selbst als besser verstanden werden. Thaler und Sunstein (2008) begreifen unter diesem Vorgehen einen liberalen Paternalismus.

Weiterhin werden Erkenntnisse der Verhaltensökonomik genutzt, um die Effektivität einer geplanten Politikmaßnahme für ein bestimmtes Ziel zu überprüfen. So gelten unter Verhaltensökonom*innen Experimente auch in der Politik als geeignete Methode, um zwischen verschiedenen Optionen abzuwiegen. Das Behavioral Insights Team in Großbritannien, das der Regierung zuarbeitet, hat für Behörden eine Anleitung entwickelt, um Experimente auch lokal durchzuführen. Damit einher geht auch eine Verschiebung hinzu der konkreten Situation als Ansatzpunkt für Politikmaßnahmen. Anwendung findet dieses Vorgehen auch in der Entwicklungsökonomie bei Abhijit Banerjee und Esther Duflo (2012). Dabei greifen Duflo und Banerjee ebenso die Idee des liberalen Paternalismus auf.

7. Aktuelle Debatten und Analysen

In der verhaltensökonomischen Literatur wird vielfach über die Frage diskutiert, ob Präferenzen endogen oder exogen sind. In einer bekannten Studie kommen Henrich et al. (2001, 77) zu folgendem Resultat: „preferences over economic choices are not exogenous as the canonical model would have it, but rather are shaped by the economic and social interactions of everyday life”. Ähnliche Resultate finden sich in einer international angelegten Befragung von Falk et al. (2015). Damit einher geht eine Debatte zur Wohlfahrtsökonomik, dem Bereich im Mainstream der VWL, der Aussagen über normative Bewertungen erlauben soll. Wenn Präferenzen als endogen gesehen werden, dann sind normative Aussagen mit der Wohlfahrtsökonomik nicht mehr möglich. Im Bereich Philosophy of Economics gibt es daher eine Debatte um “preference purification”, in der diskutiert wird, ob mit der Annahme von wahren Präferenzen in einem “inneren wahren” Kern und einer psychologischen und fehlerhaften Hülle weiterhin Wohlfahrtsökonomik möglich sei (siehe Infante et al. 2016).

Weitere aktuelle Forschung beschäftigt sich mit einer Rekonzeption der Vorstellung des Individuums. Diese erscheint deswegen als nötig, weil sich verhaltensökonomische Forschung deutlich gegen den homo oeconomicus als Agent ökonomischer Modelle ausspricht. So haben Akerlof und Kranton (2000) Identität – v.a. verstanden als Präferenz, Normen zu entsprechen – als Teil ökonomischer Forschung etabliert. Ein anderes Identitätskonzept findet sich bei Bénabou und Tirole (2011). Den aktuellen Stand der Debatte fasst Kranton (2016) zusammen, für eine kritische Analyse siehe Davis (2011).

Ferner sind auch die Proband*innen in den Laborexperimenten Gegenstand von Diskussionen (siehe für einen Überblick Levitt und List 2007 und eine Entgegnung Camerer 2015). In einem viel beachteten Beitrag charakterisieren Henrich et al. (2010) Proband*innen als “weirdest people in the world”. “Weird” steht dabei für “Western, Educated, Industrialized, Rich, and Democratic” (westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch). Die Resultate in ökonomischen Laborexperimenten, so die Autoren der Studie, zeigen dabei keineswegs durchschnittliches oder übliches Verhalten, gleichwohl werden oftmals allgemeine Schlüsse aus Experimenten gezogen. Damit wird die externe Validität von Experimenten angezweifelt. Falk und Heckman (2009) hingegen sehen die Probleme als weniger gravierend an und verweisen auf die die hohe interne Validität, die Möglichkeit kausale Effekte zu identifizieren und die Möglichkeit experimentelles Vorgehen mit Survey-Datensätzen zu verbinden, um so die externe Validität zu verbessern.

In Bezug auf die politischen Implikationen verhaltensökonomischer Forschung sind die Arbeiten von Thaler und Sunstein zum Nudging und liberalen Paternalismus Gegenstand zahlreicher, auch sozialwissenschaftlicher Debatten. Die Grundthese der Autoren ist, dass eingeschränkt rationales Verhalten zu „behavioral market failures“ führen und sich der Mensch in vielen Situationen unbewusst zu seinem Nachteil verhält. In diesen Fällen müssen demnach Institutionen bzw. der Staat den Menschen in die richtige Richtung „schubsen“, da er sonst durch andere Menschen, Unternehmen oder Institutionen unbewusst in eine Richtung gedrängt wird, für die er sich selbst nicht entschieden hat. In Deutschland lehnt insbesondere der Psychologe Gerd Gigerenzer (2015) Nudging ab, weil dieses zu sehr rational choice als normatives Ideal verfolge und nicht mit besseren Bildungsangeboten für Finanzentscheidungen und dergleichen operiere.

8. Abgrenzung: Unterschulen, andere ökonomische Theorien, andere Disziplinen   

Die verschiedenen Strömungen der Verhaltensökonomik lassen sich nicht nach einem einheitlichen Muster abgrenzen. In Lehrbüchern (z.B. bei Beck 2014) werden die verschiedenen Forschungsfelder häufig thematisch unterschieden – ähnlich wie die in Kapitel 2 von Rabin vorgestellte Unterscheidung:

  •             Untersuchungen von Heuristiken wie z.B. Repräsentativitätsheuristik, Verfügbarkeitsheuristik
  •             Diskontierung und Zeitpräferenzen
  •             Altruismus, Fairness, Reziprozität
  •             Emotionen
  •             Glücksforschung

Daneben wird bei der praktischen Anwendung der theoretischen Erkenntnisse zwischen verschiedenen Feldern unterschieden, z.B. Behavioral Finance, Sozialpolitik und dem Feld des liberalen Paternalismus (siehe dazu auch Beck 2014, einen historischen Abriss bietet Heukelom 2014).

Des Weiteren gibt es Versuche, Strömungen nach Personen zu klassifizieren, welche die Forschung nachhaltig geprägt haben (Tomer 2007): Beispielsweise Herbert Simons Satisficer-Theorie (1955), nach der Individuen nicht ihren Nutzen maximieren, sondern bereits zufrieden sind, wenn ihre Erwartungen erfüllt werden. Oder George Akerlofs (2002) vielfältigen Ansätze, in denen er die Erkenntnisse der Verhaltensökonomik in die neoklassische Makroökonomik einbringt. Maßgeblich beeinflusst hat auch Vernon Smith das Feld der Experimentalökonomie. Er analysiert experimentell Funktionsweise und Design von Märkten (zur Geschichte siehe Svorenčík 2015).

Daneben grenzen sich manche Autor*innen durch die Nähe zu neoklassischen Konzepten ab. Der Mainstream der Verhaltensökonomik versucht in vielen Fällen neoklassische Ansätze zu verbessern statt zu revolutionieren. Brandstätter und Güth bezeichnen diese Forschungsrichtung auch als „Neo-classical repair shop“ (1994), da Standardmodelle durch verhaltensökonomische Erkenntnisse erweitert werden, aber das rationale Maximierungskalkül erhalten bleibt. Darüber hinaus finden sich aber auch Theorien, die das Konzept der Nutzenmaximierung verwerfen. Beispielhaft hierfür sind die Satisfycing Theory (Simon 1955), Aspiration Adaptation Theory (Selten 1998), Case-based Decision Making (Giboa und Schmeidler 2001) sowie Fast and Frugal Heuristics (Gigerenzer und Goldstein 1996).

Schließlich existiert auch das Feld der Neuroökonomik mit starker medizinwissenschaftlicher Ausprägung. Ausgangspunkt der Untersuchungen sind neurowissenschaftliche Erkenntnisse. Häufig wird Verhalten anhand von Magnetresonanztomographie-Messungen (MRT) studiert.

9. Abgrenzung vom Mainstream

Ein Hauptunterschied zum Mainstream zeigt sich an der Einordnung menschlichen Verhaltens. Während im neoklassischen Mainstream Verhalten im Sinne des homo oeconomicus sowohl deskriptiv als auch normativ für adäquat angesehen wird, gilt in der Verhaltensökonomie das Verhalten im Sinne des homo oeconomicus nach einigen Autor*innen als normative Vorgabe (siehe Kahneman 2003 und Thaler 2016a). Deskriptive Grundlage stellt hingegen beobachtbares menschliches Verhalten dar.

Abseits von dieser Verschiebung gilt die Verhaltensökonomie inzwischen als anerkanntes Feld im Mainstream der Volkswirtschaftslehre. Anerkennung und Kompatibilität erfährt Verhaltensökonomie aufgrund des experimentellen Vorgehens, was inzwischen auch in weiteren empirischen Bereichen der Mainstream-Ökonomik als Standard gilt (vgl. Angrist und Pischke 2014).

10. Institutionen

Vertreter*innen:                            

  • ehemalig: Herbert Simon, Amon Tversky, Vernon Smith, Reinhart Selten
  • aktuell: Daniel Kahneman, Colin Camerer, Matthew Rabin, David Laibson, George Loewenstein, Richard Thaler, Ernst Fehr

Journals:          

  • Games and Economic Behavior
  • Experimental Economics
  • Journal of Economic Behavior & Organization
  • viele prominente Beiträge finden sich auch in renommierten Journals wie American Economic Review, Quarterly Journal of Economics, Econometrica, Journal of Political Economy, Review of Economic Studies, Economic Journal, Journal of Economic Perspectives, Journal of Economic Literature

Vereinigungen / Think Tanks / Universitäten:

  • Universitäten: Bonn, Köln, Zürich, LSE, Warwick, in den USA sind an allen führenden Universitäten auch Verhaltensökonomen vertreten, siehe auch folgende Zusammenstellung: https://www.behavioraleconomics.com/be-grad-programs/
  • Forschungseinrichtungen: WZB Berlin, MPI für Bildungsforschung Berlin
  • Behavioral Economics Roundtable (verbunden mit der Russell Sage Foundation)

Webseiten:

Literatur

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Zugewiesene Kursmodule

Titel Anbieter Start Schwierigkeit
Behavioral Economics in Action University of Toronto flexibel leicht
Behavioral Investing Indian School of Business 2016-12-19 leicht
Complexity Economics - flexibel mittel
The Challenges of Global Poverty Massachusetts Institute of Technology 2017-02-06 leicht
Behavioural Finance Lectures University of Western Sydney flexibel mittel

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