Was eine moderne Klimaökonomik berücksichtigen sollte

Was eine moderne Klimaökonomik berücksichtigen sollte
Eugen Pissarskoi
Level: leicht
Economists for Future, 2020
Perspektiven: Neoklassik, Diverse
Thema: Ressourcen, Umwelt & Klima
Format: Text

                



Im Angesicht der Klimakrise und der Fridays-for-Future-Proteste hat das Netzwerk Plurale Ökonomik unter #Economists4Future dazu aufgerufen, Impulse für neues ökonomisches Denken zu setzen und bislang wenig beachtete Aspekte der Klimaschutzdebatte in den Fokus zu rücken. Dabei geht es beispielsweise um den Umgang mit Unsicherheiten und Komplexität sowie um Existenzgrundlagen und soziale Konflikte. Außerdem werden vielfältige Wege hin zu einer klimafreundlichen Wirtschaftsweise diskutiert – unter anderem Konzepte eines europäischen Green New Deals oder Ansätze einer Postwachstumsökonomie. Hier finden Sie alle Beiträge, die im Rahmen der Serie erschienen sind.

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Was eine moderne Klimaökonomik berücksichtigen sollte

Eugen Pissarskoi

Erstveröffentlichung im Makronom

 

Die langfristigen Auswirkungen des Klimawandels lassen sich nicht präzise vorhersagen. Unter bestimmten Umständen wird die globale Oberflächentemperatur im Jahr 2100 um mehr als 6°C im Vergleich zum vorindustriellen Niveau ansteigen. Unter anders gelagerten Umständen wird sie aber „nur“ um 2°C ansteigen, selbst wenn keine klimapolitischen Maßnahmen ergriffen werden.

Einige gesellschaftliche Akteure wie Extinction Rebellion befürchten angesichts der schlimmstmöglichen Folgen, dass die Menschheit ernsthaft in ihrer Existenz bedroht sei. Sie fordern, dass die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2025 auf null reduziert werden. Ähnlich argumentiert Greta Thunberg, wenn sie sagt, die politischen Entscheidungsträger*innen sollten handeln, als wenn ihr Haus brenne.

Prominente Klimaökonom*innen beurteilen die Situation der Menschheit hingegen anders. Nach Berechnungen von William Nordhaus wird der erwartete Wert des gesamtgesellschaftlichen Wohlergehens maximiert, wenn die Treibhausgasemissionen (THG-Emissionen) der Menschheit auch zukünftig leicht ansteigen, ihren Maximalwert von rund 40 Gigatonnen CO2 pro Jahr ca. 2050 erreichen und erst dann zu sinken beginnen.

 
   

William Nordhaus: Projections and Uncertainties about Climate Change in an Era of Minimal Climate Policies

 

In der Abbildung ist der nach Nordhaus optimale Pfad der zukünftigen THG-Emissionen blau dargestellt. Dabei soll nach Nordhaus die Konzentration von CO2 auf mehr als 600 ppm im Jahr 2100 ansteigen und die globale Oberflächentemperatur um rund 3,5°C im Vergleich zum Jahr 1900 zunehmen. Um den von Nordhaus als optimal angesehenen Pfad zu erreichen, sollte eine globale CO2-Steuer eingeführt werden, die von 35 US-Dollar pro Tonne CO2 im Jahr 2020 (in 2010er Preisen) auf rund 100 US-Dollar in 2050 ansteigt.

Eine solche Klimapolitik liegt deutlich unter den Forderungen aus der Zivilgesellschaft und würde auch kein Handeln darstellen, „als wenn das eigene Haus brenne“. Eine vollständige Dekarbonisierung bis zum Jahr 2025, wie sie etwa Extinction Rebellion fordert, ist gemäß Nordhaus hingegen ungerecht, da sie die Menschheit viel ärmer machen würde als eine langsamere Reduktion der Treibhausgase.

Ich glaube, dass ein wesentlicher Grund für diese Diskrepanz in Überzeugungen darüber liegt, wie unter Unsicherheit gehandelt werden sollte. Wie auch viele andere Klimaökonom*innen unterstellt Nordhaus eine in der Ökonomik verbreitete Theorie zur Entscheidungsfindung unter Unsicherheit: die Theorie des erwarteten Nutzens.

 

Die Theorie des erwarteten Nutzens in der Klimaökonomik

Auch wenn die meisten Ökonom*innen deskriptiv forschen, hat sich innerhalb der Makroökonomik eine normative Annahme fest etabliert, die Amartya Sen einst als „Wohlfahrtismus“ (welfarism) bezeichnete: Gesellschaftliche Wohlfahrt (als ein Aggregat der Nutzen aller Individuen einer Gesellschaft) sollte maximiert werden. Ihre wissenschaftliche Herausforderung sehen Makroökonom*innen darin, ökonomische Strategien aufzuzeigen, mit denen die gesellschaftliche Wohlfahrt gesteigert werden kann.

Der Klimawandel – beziehungsweise die Emission von Treibhausgasen – hat gegenläufige Effekte auf die gesellschaftliche Wohlfahrt. Einerseits emittieren wir Treibhausgase, um Wohlfahrt stiftende Aktivitäten auszuüben (Mobilität, Ernährung, Wärmeerzeugung etc.). Andererseits verändert die zunehmende THG- Konzentration klimatische Systeme, wodurch die Wohlfahrt der in der Zukunft lebenden Menschen beeinträchtigt wird. Klimaökonom*innen gehen der Herausforderung nach, die beiden Effekte zu quantifizieren und zu bestimmen, wie viele Treibhausgase zu welchem Zeitpunkt in der Zukunft emittiert werden sollten, damit die gesellschaftliche Wohlfahrt über mehrere Generationen hinweg maximiert wird.

Um bestimmen zu können, wie klimatische Veränderungen die Wohlfahrt künftiger Generationen beeinflussen werden, ist es erforderlich zu wissen, wie die THG-Konzentration in der Atmosphäre auf natürliche Systeme wie Oberflächentemperatur, Meeresspiegel, thermohaline Zirkulation etc. wirkt und welche Effekte auf die gesellschaftliche Wohlfahrt diese Veränderungen der natürlichen Systeme ausüben werden. Über diese kausalen Effekte bestehen allerdings Unsicherheiten: ihre Stärke kann nicht eindeutig quantifiziert werden.

Die Theorie des erwarteten Nutzens (TEN) bietet eine Erklärung, wie unter Unsicherheit Handlungsoptionen im Hinblick auf ihren Nutzen bewertet werden sollen. Demnach soll der Erwartungswert von verfügbaren Handlungsoptionen bestimmt werden und Entscheidungsträger*innen sollen diejenige Handlungsoption wählen, welche den höchsten Erwartungswert aufweist. Formal heißt das: Der Erwartungswert des Nutzens einer Handlungsoption ist das mit Eintrittswahrscheinlichkeiten gewichtete arithmetische Mittel der Nutzen aller möglichen Konsequenzen der Handlungsoption.

Um die TEN anwenden zu können, versuchen Klimaökonom*innen, Wahrscheinlichkeitsverteilungen für unsichere Parameter zu bestimmen. Sind diese bestimmt, berechnen klimaökonomische Modelle, sogenannte „integrierte Bewertungsmodelle“, den erwarteten Wohlfahrtswert der verfügbaren Handlungsoptionen (also von verschiedenen THG-Konzentrationspfaden). Auf diese Weise wird ein Pfad der zukünftigen THG-Konzentrationen identifiziert, der den Erwartungswert der intertemporalen Wohlfahrt maximiert.

Dabei werden vor allem zwei Methoden prominent verwendet:

Monte-Carlo-Simulationen: Dabei werden verhältnismäßig einfache Bewertungsmodelle programmiert (z. B. PAGE), in denen die beiden gegenläufigen Wohlfahrtseffekte quantitativ abgebildet werden. Für die unsicheren Parameter wie z.B. die Klimasensitivität werden Funktionen für Wahrscheinlichkeitsverteilungen für mögliche Parameterwerte unterstellt. Die Modellberechnungen werden sehr häufig wiederholt (mehrere Tausend Mal), wobei das Modell die Werte für die unsicheren Parameter stochastisch gemäß der vorgegebenen Verteilungsfunktion auswählt. Als Ergebnis der Durchläufe entsteht eine Verteilungsfunktion der Zielgröße, in diesem Fall der Wohlfahrtswirkungen von Szenarien für die zukünftige Entwicklung von Treibhausgas- Konzentrationen.

Best-guess-Berechnungen ergänzt um Sensitivitätsanalysen: Das von Nordhaus entwickelte integrierte Bewertungsmodell DICE ist zu komplex, um für alle unsicheren Parameter Monte-Carlo-Simulationen durchzuführen. Nordhaus unterstellt für die unsicheren Parameter statistische Mittelwerte aus der Fachliteratur, in der die einzelnen Parameterwerte geschätzt wurden. Auf diese Weise erhält er eindeutige Parameterwerte, auf deren Basis das Modell denjenigen Emissionspfad bestimmt, den Nordhaus insofern als „optimal“ interpretiert, als dass er den erwarteten Wert der intertemporalen Wohlfahrt maximiert. Anschließend führt er Sensitivitätsanalysen für ausgewählte unsichere Parameter durch. Dabei unterstellt er eine eindeutige Wahrscheinlichkeitsverteilung für die möglichen Werte der unsicheren Parameter.

 

Kritik: Die unbekannten Parameter des Klimawandels

Mein Einwand gegen diese Methodik richtet sich darauf, dass sie bestimmtes Prinzip für die Entscheidungsfindung unter Unsicherheit unterstellt, nämlich das Prinzip der Maximierung des erwarteten Nutzens (PMEN) – das für den Untersuchungsgegenstand Klimawandel jedoch nicht anwendbar ist. Das PMEN erfordert, dass

  •  den Entscheidungsträger*innen eindeutige Wahrscheinlichkeitswerte der möglichen Konsequenzen der verfügbaren Handlungsoptionen bekannt sind, sie den eindeutigen Wert der möglichen Konsequenzen kennen und
  • sie eine eindeutige Einstellung gegenüber Risiken haben.

Im Falle des Klimawandels sind jedoch alle diese drei Aspekte nicht gegeben: Wegen der unbekannten Wahrscheinlichkeitsverteilungen für relevante Parameter können keine eindeutigen Wahrscheinlichkeitswerte für mögliche Konsequenzen bestimmt werden, sondern bestenfalls ihre Bandbreiten. Wegen ethischer Kontroversen über die Bewertung von nicht-marktlichen Gütern sowie über die Bewertung von in der Zukunft liegenden sozialen Zuständen ist darüber hinaus unklar, wie eine eindeutige Bewertung der möglichen Folgen des Klimawandels begründet werden soll. Und auch die Einstellungen zu Risiken des Klimawandels sind ethisch umstritten: dass eine Risiko-Aversion moralisch geboten ist, dürfte unumstritten sein, das Ausmaß der Aversion hingegen schon.

Wenn der Erwartungswert dennoch bestimmt wird, wird implizit vorausgesetzt, dass wir über die unsicheren Parameter mehr wissen als wir es tatsächlich tun. Bei den beiden dargestellten Methoden zur Berücksichtigung von unsicheren Parametern wird unterstellt, dass die Entscheidungsträger*innen wissen, wie groß die Bandbreite von möglichen Werten ist und wie die möglichen Werte innerhalb dieser Bandbreite verteilt sind. Ein solches Vorgehen unterstellt wiederum, dass wir bezüglich eines unsicheren Parameters – nehmen wir die Höhe der Klimasensitivität als Beispiel – vor einer analogen Unsicherheit stehen, wie wenn wir eine Kugel einer bestimmten Farbe aus einer Urne zu ziehen haben, über die wir wissen, wie viele Kugeln darin sind und wie die Farben der Kugeln in der Urne verteilt sind. Doch dieses Wissen haben wir bezüglich der Klimasensitivität nicht: Ihre Bandbreite ist nicht genau einschätzbar (wir haben Evidenzen, dass sie bis zu 10–11 °C liegen kann, aber wir können nicht ausschließen, dass sie höher, sagen wir bei 15–20 °C, liegt). Auch ist die Verteilung der möglichen Werte innerhalb der Bandbreite unbekannt.

Vielmehr stellt uns die Zunahme der THG-Konzentrationen in der Atmosphäre vor ein Entscheidungsproblem, bei dem – um bei der Urnen-Analogie zu bleiben – wir nicht genau wissen, wie viele Kugeln in der Urne sind, wir zwar einige Farben kennen, aber nicht wissen, ob wir alle Farben kennen, und wir lediglich einige Hinweise darauf haben, wie die Häufigkeit der Farben verteilt sein könnte. Diese Art der Unsicherheit gilt auch für weitere entscheidungsrelevante Parameter wie die zukünftige Höhe der Wirtschaftsleistung (BIP) oder die Entwicklung der CO2-Intensität.

Nordhaus‘ oben zitierte Ergebnisse basieren auf Annahmen bezüglich der Wahrscheinlichkeiten für unsichere klimatologische Parameter, bezüglich der Bewertung von nicht-marktlichen und in der Zukunft anfallenden Gütern und Dienstleistungen sowie bezüglich der Einstellungen gegenüber Risiken, die falsch bzw. ethisch nicht rechtfertigbar sein könnten. Aus diesem Grund stellt die Tatsache, dass seine Ergebnisse den Forderungen von zivilgesellschaftlichen Akteuren widersprechen, keinen Einwand gegen diese Forderungen dar. Wir können nicht ausschließen, dass unter anders gelagerten Annahmen bezüglich der epistemischen Einschätzung der Höhe der Klimasensitivität, der Risiko-Einstellungen oder der Bewertung von zukünftigen sozialen Zuständen die Forderungen von Extinction Rebellion gerechtfertigt sind. Gleichzeitig argumentieren einige Ethiker*innen dafür, dass bei klimapolitischen Entscheidungen eine sehr hohe Aversion gegenüber Risiken moralisch geboten ist. Unter ihrer Annahme könnten die zitierten Forderungen aus der Zivilgesellschaft durchaus gerechtfertigt sein. Dies zu überprüfen, wäre eine sich lohnende Aufgabe für die Klimaökonomik.

 

Alternativen für die Klimaökonomik

Im Lichte dieser epistemischen und ethischen Situation bezüglich des Klimawandels können mit der Theorie des erwarteten Nutzens also keine klimapolitischen Handlungsempfehlungen begründet werden. Anstatt weiterhin diese Theorie zu bemühen, möchte ich zwei Alternativen skizzieren, durch die Klimaökonom*innen zur klimapolitischen Entscheidungsfindung beitragen können und sollen.

1. Die wesentlich deskriptive Aufgabe: Das Ziel von Klimaökonom*innen sollte nicht darin liegen, eindeutige, die intergenerationelle Wohlfahrt optimierende Pfade der THG-Konzentrationen aufzuzeigen. Vielmehr sollte es sein, die Vielfalt von epistemisch möglichen und ethisch legitimen Pfaden aufzudecken. Epistemisch möglich sind alle Werte bzw. Wahrscheinlichkeitsverteilungen, die auf der Basis des Hintergrundwissens nicht als falsch ausgewiesen werden können. Als ethisch legitim sollten alle Werte gelten, die auf Basis von allen ethischen Grundtheorien (Utilitarismus, Rechte-basierte Theorien, Kontraktualismus, Tugendethiken) nicht als moralisch falsch ausgewiesen werden können.

Das bedeutet beispielsweise, bei der Bewertung von Klimafolgen alle epistemisch möglichen Werte für die Höhe der Klimasensitivität, für die zukünftige Entwicklung von Wirtschaftsleistung, Technologieentwicklung, Bevölkerungswachstum einzusetzen und für die ethischen Parameter (Risikoaversion, Bewertungsannahmen) alle ethisch legitimen Werte anzunehmen. Im Grunde haben Klimaökonom*innen bereits begonnen, daran zu forschen (z.B. Jensen und Traeger 2014, Drouet und Emmerling 2016, Lemoine und Traeger 2016, Berger et al. 2017). Diese Arbeiten berücksichtigen einen größeren Raum von möglichen Entwicklungen der unsicheren Parameterwerte als es beispielsweise Nordhaus oder Stern gemacht haben. Doch auch sie versuchen nicht, den gesamten epistemisch möglichen und ethisch legitimen Raum von Klimafolgen abzubilden.

Beispielsweise sind mir keine klimaökonomischen Arbeiten bekannt, die eine Gleichverteilung der Werte der Klimasensitivität (KS) über die Bandbreite als möglich nachgewiesener KS-Werte (zwischen ca. 1 und ca. 12°C) annehmen. Eine solche Verteilung ist aber epistemisch möglich. Oder bei der Berücksichtigung von Unsicherheiten bezüglich sozio-ökonomischer Entwicklungen werden nicht die gesamten Bandbreiten möglicher Entwicklungen abgedeckt. Beispielsweise verwenden Drouet und Emmerling für ihre Studie die Bandbreite der durch die sogenannten Shared Socioeconomic Pathways (SSP) beschriebenen sozio-ökonomischen Entwicklungen. Die SSP bezwecken aber nicht, den vollständigen Raum möglicher sozio-ökonomischer Entwicklungen zu beschreiben.

2. Die wesentlich normative Aufgabe: Epistemisch mögliche und ethisch legitime Pfade umfassen eine große Bandbreite von klimapolitischen Pfaden. Beispielsweise gehören die in der obigen Abbildung dargestellten Pfade von Nordhaus (blau) und Stern (rot) beide dazu. Die beiden Pfade unterscheiden sich jedoch gewaltig in der Menge der zukünftigen THG-Emissionen, und sie bilden nur einen kleinen Ausschnitt aus allen epistemisch möglichen und ethisch legitimen Emissionspfaden. Der deskriptive Weg liefert somit wenig Handlungsorientierung.

Hierzu sind zusätzliche normative Prinzipien bzw. Argumentationen erforderlich. Zum einen kann dafür argumentiert werden, dass nicht alle epistemisch möglichen Pfade zur Entscheidungsfindung herangezogen werden, sondern nur ein Teil davon: ernsthaft mögliche oder realistische oder plausible Pfade. Explizite Kriterien dafür anzugeben, welche Pfade ernsthaft möglich oder plausibel sind, ist nicht trivial. Wissenschafts- und demokratietheoretisch bedenklich ist es jedoch, wenn der Raum von möglichen Pfaden durch implizite und nicht weiter begründete Annahmen von Klimaökonom*innen eingeschränkt wird.

Zum anderen kann auch die Bandbreite von ethisch legitimen Pfaden eingeschränkt werden, indem Annahmen zu Bewertungen oder Risikoeinstellungen unterstellt werden, die nicht mit allen ethischen Grundtheorien kompatibel sind, sondern nur im Lichte einer bestimmten Ethik akzeptabel sind. Solche Annahmen müssen aber explizit gemacht werden und es müsste begründet werden, warum die anderen ethischen Grundtheorien ausgeschlossen werden.

Durch diese Festlegungen dürfte aber die verbliebene Bandbreite von epistemisch-ethisch plausiblen Pfaden dennoch breit bleiben. In der Klimaethik wird eine Reihe von Prinzipien bzw. Methoden diskutiert, um unter großer Unsicherheit und ethischer Umstrittenheit Entscheidungen zu begründen. Klimaökonomische Handlungsempfehlungen sollten die Vielfalt dieser Methoden berücksichtigen und dafür in klimaökonomische Modelle integriert werden.

 

Fazit

Die ersten klimaökonomischen Forschungsarbeiten haben die in der Ökonomik des 20. Jahrhunderts etablierte Theorie für Entscheidungen unter Unsicherheit, die Theorie des erwarteten Nutzens, als Grundlage genommen, um klimapolitische Handlungsempfehlungen auszusprechen. Diese Theorie ist jedoch für die Situation, vor die wir durch die globalen Klimaveränderungen gestellt sind, nicht geeignet – wir können die Folgen des Klimawandels schlichtweg nicht präzise genug vorhersehen und bewerten. Aus diesem Grund ist es nicht möglich, einen eindeutigen klimapolitischen Pfad auszuzeichnen, der die intergenerationelle Wohlfahrt maximiert.

Stattdessen sollten Klimaökonom*innen meiner Meinung nach erstens die Bandbreite aller klimapolitischen Strategien aufzeigen, die sich im Lichte des verfügbaren Wissens und aller ethisch legitimen Annahmen ergeben. Einige Ökonom*innen streben dies längst an, doch sie setzen es nicht konsequent um.

Zweitens sollten Sozialwissenschaftler*innen in Kooperation mit Ethiker*innen und Wissenschaftstheoretiker*innen Prinzipien vorschlagen, begründen und in den öffentlichen Diskurs einspeisen, wie im Lichte dieser großen Bandbreite möglicher klimapolitischer Strategien eine bestimmte ausgewählt werden kann. Möglicherweise werden sich dann keine Widersprüche zwischen klimapolitischen Empfehlungen von Klimaökonom*innen und den Forderungen aus der Zivilgesellschaft ergeben, sondern die Klimaökonom*innen werden die Haltungen aus der Zivilgesellschaft zu verstehen helfen, indem sie aufdecken, auf welchen ethischen Risiko-Einstellungen und Einschätzungen zukünftiger Entwicklungen die Forderungen der Zivilgesellschaft gründen.

 

Zum Autor:

Eugen Pissarskoi ist assoziierter Wissenschaftler am Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften der Universität Tübingen. Er studierte Philosophie und Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Mannheim und Freie Universität Berlin, war Promotionsstipendiat der Hans-Böckler-Stiftung und wurde 2012 mit einer Arbeit zu Klimaethik promoviert.

 

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