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Fortgeschrittene Makroökonomie - Lehrbücher mit Tunnelblick: Über die Enge der DSGE-Modellwelt

Schwierigkeit: leicht
Sebastian Dullien | Wirtschaft neu denken: Blinde Flecken in der Lehrbuchökonomie, 2016
Fortgeschrittene Makroökonomie - Lehrbücher mit Tunnelblick:  Über die Enge der DSGE-Modellwelt

Thema: Kritik am Mainstream, Lehrmaterial
Format: Text
Link: http://fgw-nrw.de/fileadmin/user_upload/Blinde_Flecken_der_Lehrbuchoekonomie_klein.pdf

Fortgeschrittene Makroökonomie-Lehrbücher mit Tunnelblick

Über die Enge der DSGE-Modellwelt

Sebastian Dullien

Quelle: van Treeck, Till, and Janina Urban. Wirtschaft neu denken: Blinde Flecken in der Lehrbuchökonomie. iRights Media, 2016. Das Buch kann hier bestellt werden: http://irights-media.de/publikationen/wirtschaft-neu-denken/.

 

Rezensierte Bücher:

Walsh, C.E. (2010): Monetary theory and policy, 3. Auflage, Cambridge: MIT Press, 640 Seiten. Im Folgenden zitiert als CW. (Abb: The MIT Press)

Wickens, M. (2012): Macroeconomic Theory. A Dynamic General Equilibrium Approach, 2. Auflage, Princeton: Princeton University Press, 616 Seiten. Im Folgenden zitiert als MW. (Abb: Princeton University Press)

 

Wenn heute von moderner Makroökonomie gesprochen wird, geht es oft vor allem (oder sogar ausschließlich) um sogenannte DSGE-Modelle. Die Abkürzung DSGE steht dabei für „Dynamic Stochastic General Equilibrium“ – dynamische Gleichgewichtsmodelle der ganzen Volkswirtschaft mit stochastischen Schocks, bei denen die gesamtwirtschaftlichen Größen aus dem rationalen mikroökonomischen Kalkül einzelner Akteure und Akteurinnen abgeleitet werden (die sogenannte Mikrofundierung der Makroökonomie). Ganze Lehrmodule in Masterprogrammen an deutschen und ausländischen Hochschulen zu Makroökonomie und sogar zu Wirtschaftspolitik beschäftigen sich ausschließlich mit dieser Modellklasse und eng verwandten Modellen, ohne auf Probleme, Kritik oder gar Alternativen zu diesem Ansatz hinzuweisen.

Explizite Ablehnung von Paradigmenvielfalt

Zwei aktuelle Lehrbücher sind typische Repräsentanten dieser Denkschule: „Monetary Theory and Policy“ von Carl E. Walsh 2010 in der 3. Auflage und „Macroeconomic Theory“ von Michael Wickens 2011 in der 2. Auflage erschienen. Wickens ist in seiner Präferenz für DSGE-Modelle noch klarer und einseitiger als Walsh, wie aus einer von ihm beschriebenen Unterhaltung mit einem frustrierten Studierenden hervorgeht: „[Der Student] beschwerte sich, er wisse, dass es viele makroökonomische Theorien gebe. Warum würde ich dann nur eine unterrichten? Meine Antwort war, dass er nur eine Theorie brauche, um die Wirtschaft zu analysieren, und dass es einfacher sei, sich nur eine allumfassende Theorie zu merken als eine Vielzahl verschiedener Theorien“ (MW, S. XV).1 Auch Walsh legt den Fokus auf DSGE-Ansätze, erwähnt allerdings sowohl in der Einleitung als auch in einzelnen Teilen des Textes Ansätze ohne explizite Mikrofundierung, die er aber weniger als konzeptionelle Alternativen zu den DSGE-Modellen, sondern eher als praktikable Vereinfachungen sieht.

Beide Bücher präsentieren dabei solide technische Darstellungen auf einem für Masterstudierende der Volkswirtschaftslehre (VWL) nachvollziehbarem Niveau. Beide Bücher beinhalten didaktisch gute Anhänge und umfangreiche Literaturlisten, die den vertieften Einstieg ins Thema erleichtern.

Solide Darstellung der DSGE-Grundelemente

Dabei werden die wichtigsten Elemente der DSGE-Modelle sauber dargestellt:

  • Repräsentative Individuen, die unter der Annahme rationaler Erwartungen über eine intertemporale Variation von Arbeitsangebot und Freizeit sowie Konsum und Ersparnis ihren Nutzen maximieren.

  • Firmen, die unter der Annahme monopolistischer Konkurrenz Produktionsentscheidungen (und in einigen Formulierungen Investitionsentscheidungen) treffen und Preise setzen, um die eigenen Gewinne zu maximieren.

  • Zentralbanken, die ihr geldpolitisches Instrument so variieren, dass sie Abweichungen der tatsächlichen Inflation von der Zielinflation und des tatsächlichen Outputs vom potenziellen Output (den Output-Gap) minimieren.

  • Märkte für Güter, Arbeit und Vermögenstitel, die sich jederzeit räumen und im Gleichgewicht sind.

Dargestellt wird auch die Technik der Kalibrierung der DSGE-Modelle, bei der die mikroökonomischen Parameter des Modells so gesetzt werden, dass die Korrelationen makroökonomischer Variablen jenen nahekommen, die in empirischen Daten beobachtet werden (MW, S. 501 ff.; CW, S. 71 ff.). Darüber hinaus widmen sich beide Bücher mehr oder weniger ausführlich der Integration von (stilisierten) Finanzmärkten in das Modell ebenso wie einer Erweiterung der Modelle zu offenen Volkswirtschaften (MW, Kapitel 12, 13; CW, Kapitel 10).

Beide Bücher diskutieren solide die historischen Wurzeln der DSGE-Modelle in der Real-Business-Cycle-(RBC)-Theorie, in der weder Geld noch Zentralbanken thematisiert wurden, sowie die Unterschiede zwischen diesen Modellen und den DSGE-Modellen, die üblicherweise durch Preis- und/oder Lohnrigiditäten und einer daraus folgenden Rolle für die Geldpolitik gegeben sind. Es wird klar dargestellt (wenn auch nicht kritisch diskutiert), dass in der Welt der DSGE-Modelle die Schwankungen bei Inflation, Output und Beschäftigung durch optimale Reaktionen der wirtschaftlichen Akteure auf exogene Schocks (etwa bei technologischem Fortschritt oder durch die Präferenzen der Individuen) entstehen. Beide Bücher thematisieren, welche stilisierten Fakten empirischer Zeitreihen die Modelle mehr oder weniger gut nachbilden können – Wickens bezieht hier auch Phasen der tiefen Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008/9 ein.

Kritik an DSGE wird ignoriert oder abgebügelt

Beide Bücher beschränken sich aber in einer etwas autistischen Weise auf die eigene enge Modellwelt. Zum einen sind sie weitgehend ignorant, was die kritische Debatte der DSGE-Modelle in den vergangenen Jahren angeht, zum anderen vernachlässigen sie eine Reihe von wichtigen makroökonomischen Themen, die in der wirtschaftspolitischen Debatte der vergangenen Jahre zentral waren und noch sind, jedoch in den DSGE-Debatten bis 2010 nicht vorkamen.

In den vergangenen Jahren sind die DSGE-Modelle wiederholt ins Kreuzfeuer der Kritik geraten: So wird den Modellen unter anderem vorgehalten, dass sie weder den Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/9 noch den folgenden massiven Einbruch der Wirtschaftsleistung vorausgesagt hätten. Im Zuge der sich daran anschließenden Eurokrise wurden zudem Modelle dieser Klasse zur Rechtfertigung von massiven Austeritätsprogrammen benutzt. Diese Modelle sagten damals vorher, dass selbst einschneidende Ausgabenkürzungen in Krisenländern bestenfalls zu geringen Einbußen bei der Wirtschaftsleistung führen würden – Ergebnisse, von denen selbst der Internationale Währungsfonds (IWF) inzwischen einräumt, dass sie grundfalsch waren (siehe den Beitrag von Achim Truger zu Finanzpolitik in diesem Band). Kritiker_innen sehen deshalb eine Mitschuld dieser Modellklasse an der als katastrophal wahrgenommenen Reaktion auf die Eurokrise mit massiven Einschnitten in die nationalen Budgets. Diese Fehlleistungen der Modelle verleiteten etwa Paul Krugman (2009) dazu, moderne Makroökonomie als „bestenfalls spektakulär nutzlos und schlimmstenfalls klar schädlich“ zu beschreiben.

In der Darstellung von Walsh wird diese Kritik einfach ignoriert. Wickens greift zumindest kritische Zitate von Paul Krugman und Robert Skidelsky auf, um sie dann aber schnell abzubügeln. Zur Annahme rationaler Erwartungen gäbe es keine sinnvoll operationalisierbare Alternative; zudem werde bereits an Modellen gearbeitet, in denen Individuen erst lernen müssten. Finanzmärkte würden in neueren DSGE-Modellen zunehmend modelliert, auch wenn sie in den älteren Modellen tatsächlich vernachlässigt worden seien (MW, S. 7 ff.).

Allerdings ist die Erwiderung von Wickens reichlich oberflächlich – und die Kritik an DSGE-Modellen von Krugman und anderen Ökonom_innen komplexer, als Wickens es darstellt. Detailliert wird an DSGE-Modellen üblicherweise kritisiert (etwa Dullien 2011 oder King 2012):

  • Mangelnde Prognosequalität

  • Fragwürdiger mikroökonomischer Maximierungsmechanismus

  • Fragwürdigkeit der kalibrierten Parameter

  • Ad-hoc-Modellierung von Geldentstehung

  • Fehlende beziehungsweise Ad-Hoc-Modellierung des Finanzsektors

Unter mangelnder Prognosequalität verstehen die Kritiker_innen, dass die DSGE-Modelle trotz ihrer inzwischen gewaltigen Komplexität den Verlauf der Konjunktur nicht besser vorhersagen können als altmodische Modelle oder sogar einfache autoregressive Modelle, die einfach mechanisch die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts der jüngsten Vergangenheit fortschreiben. Die Verteidiger_innen von DSGE erwidern auf die Frage nach der Prognosequalität, dass diese mit weiteren Ergänzungen der Modelle in der Zukunft noch verbessert werden könne.

Möglichkeit irrationaler Finanzmärkte wird nicht erwähnt

Gelegentlich wird dabei das Argument vorgebracht, dass Konjunkturschwankungen nicht prognostizierbar seien, da sie sich aus zufälligen, nicht vorhersehbaren Schocks ergäben. Deshalb sei die Prognosequalität von Modellen kein Kriterium für deren Qualität oder Gültigkeit. Während dieses Argument zwar in der Annahmewelt der DSGE-Modelle stimmt, muss man für seine Gültigkeit zunächst einen Teil der Grundannahmen des DSGE-Modells akzeptieren – nämlich, dass Konjunkturschwankungen durch exogene Schocks verursacht werden. Geht man dagegen davon aus, dass hinter den Konjunkturzyklen eine mittel- oder langfristige Systematik steckt (wie es etwa Ansätze in der Tradition Hyman Minskys tun), so sagt die Prognosefähigkeit eines Modells sehr wohl etwas über seine ökonomische Qualität aus. Auch sollte man nicht übersehen, dass die Annahme, Konjunkturschwankungen seien überwiegend nicht prognostizierbar, die Falsifizierbarkeit von DSGE-Modellen als Modellklasse im Sinne von Karl Popper schwer, wenn nicht gar unmöglich macht.

Solche wissenschaftstheoretischen Argumente scheinen aber aus Sicht der Autoren für Leser_innen ihrer Lehrbücher nicht relevant. Weder Wickens noch Walsh thematisieren die Prognosefähigkeit der DSGE-Modelle in ihren Lehrbüchern, geschweige denn Alternativen zu den ihnen zugrunde liegenden Annahmen.

Unter dem fragwürdigen mikroökonomischen Maximierungsmechanismus verstehen die Kritiker_innen nicht nur die Annahme von rationalen Erwartungen im Modell, sondern vor allem die weiteren Verhaltensannahmen: So wird oft als kritisch angesehen, dass sich die gesamtwirtschaftlichen Fluktuationen im DSGE-Modell und insbesondere die Veränderung der Beschäftigung vor allem dadurch ergeben, dass die einzelnen Haushalte aufgrund von intertemporalen Schwankungen des Reallohns ihr Arbeitsangebot variieren. Überspitzt gesagt gehen sie in einem Jahr weniger arbeiten und genießen mehr Freizeit, weil sie davon ausgehen, dass im darauffolgenden Jahr der Reallohn höher sein wird. Skeptiker_innen wenden ein, dass dies in ihrer Wahrnehmung nach (und der praktisch aller Nicht-Ökonom_innen mit gesundem Menschenverstand) nicht der Hauptmechanismus ist, durch den Konjunkturschwankungen entstehen. Dies sei deshalb auch nicht das Verständnis ökonomischer Zusammenhänge, welches sie ihren Studierenden vermitteln wollen.

Eng mit diesem Problem zusammen hängt die Frage nach den kalibrierten Parametern des Modells. Damit DSGE-Modelle Korrelationen zwischen makroökonomischen Größen möglichst realistisch nachbilden, müssen – wie oben beschrieben – Parameter gesetzt werden, etwa zur Substitutionselastizität zwischen Konsum und Freizeit (aus der sich etwa ergibt, wie stark Individuen ihr Arbeitsangebot variieren, wenn sich der Lohn ändert). Diese Parameter werden üblicherweise nicht direkt geschätzt, sondern es werden Größen eingesetzt, die sich bei RBC- oder DSGE-Modellen als nützlich erwiesen haben. Das Problem an diesen gesetzten Parametern ist, dass einige von ihnen klar in Größenordnungen liegen, die weit von jenen Werten entfernt sind, die üblicherweise in mikroökonomischen Studien gefunden werden. So finden mikroökonomische Studien für Hauptverdiener häufig eine weit geringere Angebotselastizität von Arbeit, als sie in DSGE-Modelle eingestellt wird. Eine mikroökonomische Formulierung, von der empirisch bekannt ist, dass sie falsch ist (und die einen zentralen Einfluss auf die Funktionsweise des Modells hat), kann folglich kaum als echter Fortschritt gegenüber der Abwesenheit einer Mikrofundierung gesehen werden.

Wickens diskutiert zwar Versuche, über Erweiterungen des DSGE-Modells die Ergebnisse näher an beobachtete empirische Zeitreihen zu bringen. Mit den Alternativen jenseits des engen DSGE-Paradigmas, wie etwa der Frage, ob Individuen überhaupt kurzfristig ihr Arbeitsangebot als Reaktion auf die Lohnhöhe variieren und ob dieser Mechanismus wirklich eine solch zentrale Rolle für die Modellierung makroökonomischer Schwankungen haben sollte, setzt er sich nicht ernsthaft auseinander.

Fehlendes Verständnis für Geldschöpfung durch Bankensystem

Eine weitere – oft von Post-Keynesianer_innen geäußerte – Kritik an den DSGE-Modellen ist die Modellierung von Geld: Geld ist in den DSGE-Modellen üblicherweise so modelliert, dass die Zentralbank genau die Geldmenge bereitstellt, die Individuen nachfragen beziehungsweise die Individuen gerne halten möchten. Skeptiker_innen werfen den DSGE-Modellen vor, dass Fragen der Geldschöpfung mit diesen Annahmen nicht thematisiert werden können. Giralgeld wird in modernen Volkswirtschaften durch die Interaktion von Haushalten, Unternehmen und Geschäftsbanken geschaffen (siehe den Beitrag von Fabian Lindner in diesem Band). Dies hat Folgen für den Transmissionsmechanismus von Geldpolitik, wenn etwa das Bankensystem unterkapitalisiert ist. Weder Walsh noch Wickens erwähnen alternative Theorien endogenen Geldes.

Verbunden mit dieser Kritik ist der Vorwurf der fehlenden beziehungsweise unzureichenden Modellierung von Finanzmärkten und ihrer Interaktion mit der Realwirtschaft. Die vor der Krise von 2008 vorherrschenden DSGE-Modelle beinhalteten meist überhaupt keinen Finanzmarkt. Sowohl Walsh als auch Wickens räumen ein, dass die älteren DSGE-Modelle tatsächlich einen blinden Fleck bei der Integration von Finanzmarktaspekten hatten, der zur schlechten Erklärungsqualität des Konjunkturverlaufs nach 2008 beigetragen hat. Allerdings würden inzwischen verschiedene Aspekte von Finanzmärkten in einzelne DSGE-Modelle eingebaut (MW, Kapitel 15; CW, Kapitel 10).

Skeptiker_innen halten diesen Ansatz weiter für unzureichend. Insbesondere weisen sie auf das fundamentale Problem hin, dass sich Vermögenspreisblasen (bei Aktien, Häusern und so weiter) nur schwer plausibel in Modelle mit rationalen Erwartungen (wie es die DSGE-Modelle sind) modellieren lassen. Warum sollten Individuen mit rationalen Erwartungen Vermögenstitel zu überhöhten Preisen kaufen? Die Frage nach Blasen bei Vermögenspreisen wird in den Büchern bestenfalls am Rande angesprochen. Finanzmarktblasen werden bei Walsh überhaupt nur im Kontext mit Hyperinflationen besprochen (CW, S. 160–162). Im Buch von Wickens findet sich zwar eine gute Ausführung, die sich mit „rationalen Blasen“ beschäftigt – einer Theorie, die eine mögliche Existenz von Blasen unter rationalen Erwartungen aus der Existenz explosiver Lösungspfade für Differenzengleichungen ableitet (MW, S. 301–302). Den Studierenden wird aber die Erkenntnis vorenthalten, dass sich Vermögenspreisblasen unter rationalen Erwartungen extrem schwer modellieren lassen und Modelle zur Erklärung von Blasen unter Annahme von nicht-rationalem Verhalten zumindest eines Teils der Individuen wesentlich plausibler sind (wie es die entsprechende Literatur einvernehmlich schließt – siehe etwa Brunnermeier 2008).

Moderne DSGE-Erweiterungen zur Wirkung von Fiskalpolitik bleiben unerwähnt

Der recht unkritische Umgang mit den Grundannahmen der DSGE-Modelle erklärt, warum die Bücher wenig bis gar nichts über die jüngsten Entwicklungen dieser Modelle zu sagen haben. Eine wichtige Entwicklung seit 2008/9 ist die Verbreitung von bereits Mitte der 2000er Jahre entwickelten Ansätzen zur Modellierung von Fiskalpolitik in DSGE-Modellen, in deren Folge die Ergebnisse nun stärker traditionell keynesianischen Modellen ähneln.

In älteren DSGE-Modellen führt die kreditfinanzierte Erhöhung von Staatsausgaben zwar (wie in keynesianischen Modellen) zu einem Anstieg des Outputs, jedoch (in Widerspruch zu keynesianischen Modellen) zu einem Rückgang des privaten Konsums. Hintergrund für diese Reaktion ist, dass die Individuen bei einem Anstieg der Staatsverschuldung für die Zukunft höhere Steuern erwarten. Dies bedeutet einen Rückgang des erwarteten Netto-Lebenseinkommens, auf den die Individuen mit weniger Konsum und weniger Freizeit reagieren. Dieses Weniger an Freizeit übersetzt sich in ein erhöhtes Arbeitsangebot, das über die Annahme von Markträumung zu mehr Beschäftigung und mehr Output führt.

Da diese Reaktion von empirischen Daten nicht wirklich gedeckt wird (der Konsum reagiert üblicherweise positiv auf kreditfinanzierte staatliche Ausgabensteigerungen), wurde im vergangenen halben Jahrzehnt daran gearbeitet, die Modellergebnisse der DSGE-Modelle anzupassen. Eine wichtige Entwicklung ist dabei der Einbau von sogenannten Rule-of-Thumb-Konsumenten in DSGE-Modelle. In diesen Modellen hat ein relevanter Anteil der Privathaushalte keinen Zugang zu Finanzmärkten. Sie können weder sparen noch sich verschulden und geben deshalb in jeder Periode all ihr verdientes Einkommen für Konsum aus. Nimmt man einen ausreichend großen Anteil solcher Konsumenten unter den Haushalten an, so ergeben sich Reaktionen auf fiskalpolitische Veränderungen, die mit empirisch beobachteten Zeitreihen in Einklang stehen: Kreditfinanzierte Staatsausgaben oder Transfers führen dann wieder wie in traditionellen keynesianischen Modellen zum Anstieg von Output und Privatkonsum.

Natürlich muss man zugestehen, dass die Bücher von Walsh und Wickens bereits 2010 beziehungsweise 2011 erschienen sind, als sich diese Entwicklung noch in den Kinderschuhen befand. Außerdem behandelt das Buch von Walsh explizit Geldpolitik und nicht Fiskalpolitik. Zumindest im Fall von Wickens hätte eine etwas breitere Interpretation des Themas „makroökonomische Theorie“ dazu führen können, dass die Lücken in den DSGE-Modellen in Bezug auf fiskalpolitische Stabilisierung deutlicher angesprochen werden – eine Fachdebatte zu dem Thema gab es bereits Jahre vor der Krise von 2008/9, wie entsprechende Publikationen zeigen (Kopcke et al. 2006).

Keine Diskussion des Lender-of-Last-Resort oder des Quantative Easing

Aus dem einseitigen Fokus auf die DSGE-Modelle mag sich erklären, dass in Walshs Buch viele, wenn nicht die meisten, der in den vergangenen zehn Jahren diskutierten geldpolitischen Fragen nicht wirklich behandelt werden. Neben der fehlenden Debatte über Vermögenspreisblasen (und dem möglichen Beitrag beziehungsweise der richtigen Reaktion der Geldpolitik zu ihnen) vermisst man die von Walter Bagehot schon vor mehr als 100 Jahren aufgebrachte und in dem vergangenen Jahrzehnt an Wichtigkeit gewonnene Frage nach der Rolle der Notenbank als lender of last resort, der in der Krise Erwartungen durch Kredite an die Geschäftsbanken stabilisiert. Auch eine Debatte von bank runs, eine Diskussion des quantitative easing oder die Frage, inwieweit Veränderungen bei den Eigenkapitalanforderungen Folgen für Wirtschaftswachstum oder Geldpolitik haben, sucht man vergebens. Das Diskontfenster der Federal Reserve wird zwar erwähnt, es fehlt aber jede Begründung, warum eine Notenbank ein solches Instrument überhaupt haben sollte. Überhaupt fehlt alles, was sich auf die praktische Umsetzung von Geldpolitik bezieht und in Werken wie Bindseil (2004) thematisiert wird.

Studierende, die die beiden Lehrbücher systematisch durcharbeiten, haben danach zwar ein gutes Verständnis von den Grundelementen moderner DSGE-Modelle. Haben sie aber daneben nicht auch aufmerksam alternative Literatur gelesen, wird ihnen ein Verständnis der aktuellen wirtschafts- und geldpolitischen Debatten unter Praktiker_innen verschlossen bleiben.

 

Literatur

Bindseil, U. (2004): Monetary policy implementation. Theory – past – present, Oxford: Oxford University Press.

Brunnermeier, M.K. (2008): Bubbles. In: Durlauf, S.N./ Blume, L.E. (Hrsg.): The New Palgrave Dictionary of Economics, Basingstoke: Palgrave Macmillan, S. 578–583.

Dullien, S. (2011): The New Consensus form a traditional Keynesian and Post-Keynesian perspective: a worthwhile foundation for research or just a waste of time? In: Économie Appliquée 44, Nr. 1, S. 173–200.

King, J.E. (2012): The microfoundations delusion. Metaphor and dogma in the history of macroeconomics, Cheltenham: Edward Elgar.

Kopcke, R.W./Tootell, G.M.B./Triest, R.K. (Hrsg.) (2006): The macroeconomics of fiscal policy, Cambridge: MIT Press.

Krugman, P. (2009): Lionel Robbins Lecture, London School of Economics, 10.06.2009.

1Dieses sowie die folgenden Zitate sind eigene Übersetzungen des Autors aus dem Englischen ins Deutsche.