Modelltheoretische Grundlagen wirtschaftspolitischer Kontroversen

Modelltheoretische Grundlagen wirtschaftspolitischer Kontroversen
Franz J. Prante, Alessandro Bramucci, Eckhard Hein, Achim Truger
Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung (FGW)
Level: leicht
Perspektiven: Institutionenökonomik, Postkeynesianismus, Diverse
Thema: Kritik am Mainstream, Lehre, Lehrmaterial
Format: Text

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Modelltheoretische Grundlagen wirtschaftspolitischer Kontroversen 

Eine computergestützte Aufbereitung

Franz J. Prante, Alessandro Bramucci, Eckhard Hein, Achim Truger


 

Auf einen Blick

  • Mainstream-Wirtschaftstheorie beherrscht den wirtschaftspolitischen Diskurs sowie die wissenschaftliche und Lehrbuch-Literatur.

  • Die Verwendung digitaler Instrumente in der makroökonomischen Bildung hat erheblich zugenommen, erleichtert den Lernprozess und bietet eine praktische Darstellung der Makroökonomik, ihrer Instrumente und Ziele.

  • In den verfügbaren makroökonomischen Simulatoren fehlt eine klare Diskussion der ökonomischen Theorie, die hinter der Konstruktion des Modells steht. Darüber hinaus spiegelt sich die Dominanz der neoklassischen Theorie in der wirtschaftlichen Diskussion und Ausbildung wider.

  • Das Projekt: Wir entwickeln eine digitale Lernplattform mit einem interaktiven Online-Lehrbuch, um Kontroversen auf den Grundlagen der makroökonomischen Theorie zu präsentieren und zu untersuchen.

  • Unser Ziel ist es, anhand des Simulators den Pluralismus in den Mittelpunkt makroökonomischer Bildung und politischer Diskussionen zu bringen.

Das Projekt

Der von uns entwickelte Simulator kann für die Vermittlung grundlegender makroökonomischer Zusammenhänge für die geschlossene Volkswirtschaft aus einer neu-keynesianischen und einer post-keynesianischen Perspektive genutzt werden. Der Fokus liegt dabei vor allem auf der durch die verschiedenen Annahmen implizierten Wirtschaftspolitik, wobei ein fließender Übergang zwischen den Modellwelten und wirtschaftspolitischen Grundkonzeptionen möglich ist. Außerdem stehen mehrere einfache interaktive wirtschaftspolitische Szenarien zur Verfügung. In diesen übernehmen die Nutzer_innen die Kontrolle über verschiedene wirtschaftspolitische Instrumente und werden mit einer Reihe von Problemen konfrontiert, auf die sie mit geeigneten Maßnahmen reagieren müssen. Unser Simulator und das dazugehörige Buch können genutzt werden, um Modelle und ihre wirtschaftspolitischen Implikationen im Detail durch interaktives Lernen zu verstehen.

Neukeynesianische Wirtschaftspolitik simuliert

Unser Simulator bietet zwei kurzfristige makroökonomische Grundmodelle einer geschlossenen Ökonomie. Das erste Modell repräsentiert den in vielen modernen einführenden Lehrbüchern dargestellten ‚Neuen Konsens‘ der Makroökonomik (NKM) in Anlehnung an das Drei-Gleichungen-Modell von Wendy Carlin und David Soskice2 mit einer IS-Kurve, einer Phillips-Kurve und einer zinspolitischen Reaktionsfunktion der Zentralbank. Es ergibt sich weitestgehend eine ‚neu-keynesianische‘ wirtschaftspolitische Grundkonzeption: Die Zentralbank ist in der Regel in der Lage, die Volkswirtschaft durch symmetrische Reaktionen und Wirkungen ihrer Zinspolitik effizient zu steuern. In Reaktion auf angebots- oder nachfrageseitige Schocks führt sie die Inflation, die Beschäftigung und die Produktion zu ihren langfristigen Gleichgewichtswerten zurück, die durch die NAIRU (Non Accelerating Inflation Rate of Unemployment) bestimmt werden.
Die Nutzer_innen können im Simulator die Rolle der Zentralbank übernehmen, wobei das Ziel darin besteht, einen möglichst optimalen Anpassungspfad als Reaktion auf Angebots- und Nachfrageschocks zu wählen. Um diesen optimalen Pfad zu erreichen, müssen die Nutzer_innen also nachvollziehen können, wie ein optimaler Entscheidungsprozess der Zentralbank in dieser Modellwelt abläuft. Hierfür müssen sie die Grundmechanismen des Modells verstanden haben, die im begleitenden Online-Buch ausführlich erklärt werden. Dabei ergibt sich schließlich, dass es eine eindeutige Lösungsmöglichkeit für die Zentralbank gibt, welche gleichzeitig der effizienteste Weg ist, die Ökonomie wieder zum gleichgewichtigen Output zurückzuführen (Abb. 1(a)).

Allerdings gilt dies nur unter ‚normalen‘ Umständen, d. h. nur dann, wenn insbesondere die negativen Nachfrageschocks relativ klein ausfallen. Kommt es stattdessen zu einer durch einen starken negativen Nachfrageschock ausgelösten tiefen Krise, so stellen die Nutzer_innen fest, dass die Möglichkeiten der Zentralbank begrenzt sind, da der optimale Zinssatz im negativen Bereich liegt und daher nicht erreicht werden kann. Dieser Fall wird im ‚Zero Lower Bound‘-Szenario illustriert: Die Nutzer_innen erkennen hier, dass sie nur mithilfe einer expansiven Fiskalpolitik eine Rückführung der Ökonomie zum langfristigen Gleichgewicht erreichen können. Nachdem also eine expansive Fiskalpolitik in ausreichendem Maße betrieben wurde, wird der optimale Zentralbankzinssatz wieder positiv und die Geldpolitik somit wieder effektiv (Abb. 1(b)).

Paradigmenwechsel durch eine Änderung der Annahmen

Wie stark hängen die skizzierten Politikimplikationen von den Annahmen der Modellwelt ab? Und, können wir eventuell einen anderen wirtschaftspolitischen Politik-Mix ableiten, wenn wir das Modell leicht verändern? Mit unserem Simulator kann eine solche schrittweise Änderung des NKM-Modells vorgenommen werden. Die vollständige Kombination der zu ändernden Annahmen generiert ein Modell, welches einem post-keynesianischen Verständnis der Makroökonomik entspricht und zu einem völlig anderen Set von Politikimplikationen führt.

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Was passiert, wenn sich der Preisaufschlag der Firmen auf die Lohnstückkosten langfristig mit den Zinskosten verändert? Unterstellen wir ein solches Verhalten, dann ergibt sich für die Zentralbank ein Problem: Ihre Zinspolitik hat nun nichtintendierte Effekte auf die Preissetzung und damit auf die Inflationsrate und auf die NAIRU selbst. Im Falle zu hoher Inflation kann eine restriktive Geldpolitik nun langfristig zu einer höheren NAIRU beitragen. Das heißt, die Geldpolitik ist aufgrund von nichtintendierten Effekten im Vergleich zum NKM wesentlich weniger effizient und hat auch langfristige realwirtschaftliche Auswirkungen. Ein entsprechendes Szenario ist in unserem Simulator verfügbar (Abb. 2).

Verändern wir nur eine weitere Annahme – diesmal die Lohnverhandlungen betreffend –, so ergibt sich nicht nur eine Veränderung der Effizienz der Geldpolitik, sondern auch der Arbeitsmarkt- und Fiskalpolitik und damit des gesamtwirtschaftlich als sinnvoll erscheinenden Politik-Mixes. So können wir zum Beispiel annehmen, dass eine effektive Koordination der Lohnverhandlungen eine Veränderung des Zielreallohnsatzes der abhängig Beschäftigten im Vergleich zum NKM hervorruft. Innerhalb eines gewissen ‚normalen‘ Beschäftigungsbereiches stimmen dann die implizierten Reallohnforderungen der abhängig Beschäftigten mit den aus der Preissetzung hergeleiteten Reallohnvorstellungen der Unternehmen überein, sodass innerhalb dieses Intervalls keine Inflations- oder Disinflationsschübe mehr erfolgen. Grafisch gesprochen heißt dies, dass es ein horizontales Element in der kurzfristigen Phillips-Kurve gibt. Eine konstante Inflationsrate ist also mit allen Beschäftigungsniveaus innerhalb dieses horizontalen Intervalls verträglich, und die NAIRU wird zu einem Korridor (Abb. 3). Hierdurch eröffnet sich nun auch für die Zentralbank die Möglichkeit, geringere Arbeitslosenquoten als im NKM zu tolerieren.3

Diese leichten Änderungen in den Modellannahmen haben bereits tiefgreifende Auswirkungen auf den abzuleitenden makroökonomischen Politik-Mix. Während im Standardmodell noch der Abbau von Rigiditäten (gemeint sind hier starre Positionen) durch Dezentralisierung von Lohnverhandlungen und den Abbau von Rechten der abhängig Beschäftigten sowie von sozialen Sicherungssystemen ein zentrales Element zur Senkung der NAIRU ist, ist dies in der veränderten Modellwelt nicht mehr erforderlich. Hier ist vielmehr ein hoher gesamtwirtschaftlicher Koordinierungsgrad der Lohnverhandlungen gefragt und damit eine hohe Gewerkschaftsdichte sowie verhandlungsfähige Gewerkschaften und Unternehmensverbände.

Unser Simulator macht erfahrbar, dass die Veränderung weniger Annahmen eines im Grunde neu-keynesianischen Standardmodells zu einem völlig anderen wirtschaftspolitischen Politik-Mix führt, welches mit einem post-keynesianischen Paradigma im Einklang steht. Dabei sollte erwähnt werden, dass einige der resultierenden Politikimplikationen durchaus auch von neu-keynesianischen Autor_innen befürwortet werden. Während im Standardmodell eine strikte Trennung von Geld-, Fiskal- und Arbeitsmarkt- bzw. Lohnpolitik vorliegt, in der die Zinspolitik der Zentralbank in der kurzen Frist das dominante Stabilisierungsinstrument ist, die Fiskalpolitik nur eine unterstützende Rolle hat und die Arbeitsmarktpolitik über den Abbau von Rigiditäten und sozialen Sicherungssystemen langfristig das dominierende Politikinstrument ist, ergibt sich in einem leicht veränderten Modell die Überlegenheit einer Koordination von Geld-, Fiskal- und Arbeitsmarkt- bzw. Lohnpolitik. Hierbei liegt der Fokus der Arbeitsmarkt- und Lohnpolitik auf einer Erhöhung des Koordinationsgrades der Lohnverhandlungen und einer Ungleichheit vermindernden Einkommenspolitik.

Schlussfolgerungen – Offenheit im Denken

In den letzten Jahrzehnten ist die ökonomische Forschung und Lehre vom sozialwissenschaftlichen Leitbild des Theorienpluralismus stark abgewichen. Die vorherrschende orthodoxe Theorie wird als einzige Grundlage für das verfügbare Referenzmodell in der wirtschaftspolitischen Steuerung dargestellt. Unser Ziel ist es, wirtschaftspolitische Kontroversen explizit durch eine interaktive Simulation darzustellen. Verschiedene wirtschaftspolitische Grundkonzeptionen, die sich aus unterschiedlichen Annahmen in makroökonomischen Modellen ergeben, werden dabei explizit sichtbar gemacht und ihre Folgen durch Simulationen illustriert. Diese Beispiele zeigen, dass die makroökonomischen Paradigmen verschiedener Modellwelten nicht vollständig inkompatibel miteinander sein müssen. Ein spezifisch neu-keynesianisches Modell kann durch Variationen der Modellannahmen in ein post-keynesianisches Modell überführt werden. Die Kombination von Ideen aus unterschiedlichen ökonomischen Paradigmen kann so zu einem substantiellen Erkenntnisgewinn führen. Trotzdem kann die jeweils ‚reine Lehre‘ natürlich zwei Modell-Welten produzieren, in denen die Politikimplikationen sich konträr gegenüberstehen. Offenheit im Denken gegenüber Theorien und Annahmen aus anderen Paradigmen kann durch unseren Simulator so gefördert werden. Anstelle von ideologischen Grabenkämpfen bietet unser Projekt damit einen offenen Blick auf gesamtwirtschaftliche Herausforderungen und verschiedene Handlungsalternativen, welche sich aus unterschiedlichen Modellannahmen ergeben.

Anmerkungen

1 Eine Vorschauversion ist unter www.mgwk.de verfügbar.
2 Carlin, Wendy/Soskice, David (2015): Macroeconomics. Institutions, Instability, and the Financial System. Oxford: Oxford University Press.
3 Hein, Eckhard/Stockhammer, Engelbert (Hrsg.) (2011): A Modern Guide to Keynesian Macroeconomics and Economic Policies. Cheltenham/Northampton, MA: Edward Elgar Publishing.

 

Über die Autor:innen

Franz Prante - Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin und Doktorand an der Université Sorbonne-Paris-Cité.
Dr. Alessandro Bramucci - Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin.
Prof. Dr. Eckhard Hein - Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin und Co-Direktor des Institute for International Political Economy Berlin (IPE).
Prof. Dr. Achim Truger - Professor für Sozioökonomie, Schwerpunkt Staatstätigkeit und Staatsfinanzen,  an der Universität Duisburg-Essen, Mitglied der Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung und Düsseldorf.

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