Können – und wollen – die Finanzmärkte das Klima retten?

Können – und wollen – die Finanzmärkte das Klima retten?Kelly Sikkema via Unsplash
Joachim Wardenga und Gerhard Schick
Economist for Future, 2020
Level: leicht
Perspektiven: Ökologische Ökonomik, Diverse
Thema: Finance, Ressourcen, Umwelt & Klima, social ecological transformation
Format: Text

Können – und wollen – die Finanzmärkte das Klima retten?

Joachim Wardenga und Gerhard Schick

Erstveröffentlichung im Makronom

Die großen Finanzinstitutionen sind ein wichtiger Motor für den ökologischen und ökonomischen Umbau. Aber was muss passieren, damit der Finanzmarkt diese Rolle auch einnimmt? Ein Beitrag von Joachim Wardenga und Gerhard Schick.

                   



Was folgt aus der Klimakrise für unsere Wirtschaft(sweisen) und das Denken darüber? Im Angesicht der Fridays-for-Future-Proteste hat sich aus dem Netzwerk Plurale Ökonomik eine neue Initiative herausgebildet: Economists for Future. Mit der gleichnamigen Debattenreihe werden zentrale Fragen einer zukunftsfähigen Wirtschaft in den Fokus gerückt. Im Zentrum stehen nicht nur kritische Auseinandersetzungen mit dem Status Quo der Wirtschaftswissenschaften, sondern auch mögliche Wege und angemessene Antworten auf die dringlichen Herausforderungen und Notwendigkeiten. Dabei werden verschiedene Orientierungspunkte für einen tiefgreifenden Strukturwandel diskutiert.

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Ende Juni dieses Jahres haben 16 Akteure des deutschen Finanzsektors eine Klimaschutz-Selbstverpflichtung veröffentlicht. In dieser verpflichten sie sich, einen Klimaschutzbeitrag zu leisten und eine nachhaltige und zukunftsfähige Weiterentwicklung der Wirtschaft zu unterstützen. Anfang des Jahres kurz vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos forderte Blackrock-Chef Larry Fink die Konzerne auf, größere Anstrengungen im Kampf gegen den Klimawandel zu unternehmen, andernfalls würden sich die Anleger zunehmend abwenden. Er zeigte sich in dem Zusammenhang überzeugt, dass die Finanzwelt vor einer fundamentalen Umgestaltung steht.

Sicherlich sind die großen Finanzinstitutionen ein wichtiger Motor für den notwendigen ökologischen und ökonomischen Umbau, wie etwa der Nachhaltigkeitswissenschaftler  Uwe Schneidewind betont. Können wir uns darauf verlassen, dass der Finanzmarkt diese Rolle einnimmt und zum Motor für den Klimaschutz wird? So einfach ist es leider nicht.

Auswirkungen des Klimawandels auf den Finanzsektor

Im Januar dieses Jahres veröffentlichte die häufig als Zentralbank der Zentralbanken bezeichnete Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ihre Studie The Green Swan, die sich mit den möglichen Folgen des Klimawandels für das Finanzsystem beschäftigt. In der Studie werden vor allem zwei Risiken aus dem Klimawandel für das Finanzsystem ausführlich betrachtet:

  • Physische Risiken wie Überschwemmungen, Stürme, Dürre etc., die direkt zu Verlusten (z.B. bei Versicherungen) führen
  • Transitions- oder Übergangsrisiken, die z.B. durch zunehmende Regulierung zu Verlusten bei Unternehmen führen, die sich dem Wandel nicht rechtzeitig gestellt haben

Der politische Umgang mit dem Klimawandel bestimmt, welche Risiken stärker in den Vordergrund rücken: Je länger mit den Maßnahmen gegen die Klimaveränderungen gewartet wird, desto stärker sind es die physischen Risiken; ein radikaler Wandel zur Begrenzung des Temperaturanstiegs erhöht hingegen die Transitionsrisiken.

Die Unternehmen des Finanzsektors, die in ihren Geschäftsmodellen auch langfristige Entwicklungen berücksichtigen müssen, wie Rückversicherer oder Pensionsfonds, beschäftigen sich bereits seit längerem mit den möglichen Auswirkungen des Klimawandels auf ihr Geschäftsmodell. Zwar erscheinen die Schäden in den nächsten Jahren, die den Auswirkungen des Klimawandels zuzuschreiben sind, für diese Unternehmen noch beherrschbar, die langfristigen Veränderungen durch den Klimawandel erfordern jedoch bereits heute eine Berücksichtigung in der Geschäftsstrategie.

Bei den Banken spielten die Klimarisiken dagegen bisher kaum eine Rolle. Die bisherige Betrachtung des Klimawandels innerhalb des für Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern vorgeschriebenen Nachhaltigkeitsberichtes beschränkt sich bei den meisten deutschen Banken auf eine qualitative, nicht messbare Beschreibung, in dem die Klimabelastung durch das eigene Unternehmen durch Gebäude, Fuhrpark, Reisetätigkeiten etc. erläutert wird, während die einzelnen Bankgeschäfte mit den Kunden außen vor bleiben.

Der Ausweis von Klimarisiken – die Rolle der Aufsicht

Und hätten die europäischen Aufsichtsbehörden hier nicht das Heft des Handelns ergriffen, würde dies wohl auch noch immer so sein. Im Rahmen des EU-Aktionsplanes für ein nachhaltiges Finanzsystem zur Erreichung der Pariser Klimaziele, der auf den Vorschlägen einer Expertengruppe basiert, wurde mit der Entwicklung eines Klassifikationsrahmens als Basis für ein einheitliches Reporting der mit den Finanzgeschäften direkt oder indirekt verbundenen Klimarisiken begonnen. Der aktuelle Arbeitsstand des Klassifikationsrahmens (Taxonomie) bildet eine gute Basis für eine erste Bewertung der Klimabelastung von einzelnen Branchen, auch wenn die Arbeit noch nicht abgeschlossen ist.

Die Offenlegungspflichten für Unternehmen, Versicherungen und Banken wurden um die Anforderungen zur klimabezogenen Berichterstattung ergänzt. In den Leitlinien dazu werden bereits eine Vielzahl von Leistungsindikatoren aufgelistet, die von den Unternehmen für Investoren, Interessenträgern und Anteilseignern zu veröffentlichen sind, allerdings ohne eine rechtliche Bindung. Hierzu gehört auch die Angabe, ob sich die Geschäftstätigkeit positiv oder negativ auf das Klima auswirkt.

Klimakennzahlen wie die CO2-Belastung von Krediten und Wertpapieranlagen gehören in der Regel nicht zu den Daten, die Banken erfassen und verarbeiten

Allerdings wäre eine weitere Standardisierung der einzelnen Berichte wünschenswert, um die Vergleichbarkeit der Auskünfte zu erhöhen und den Aufbau einer zukünftigen Datenbasis von klimarelevanten Indikatoren zu erleichtern, denn aktuell stellen die fehlenden historischen Daten ein großes methodisches Problem dar. Aufbauend auf den Informationen der Unternehmen, d.h. ihrer Kunden, sollen Banken und Versicherungen in diesem Zusammenhang darüber berichten, wie sich der Anteil der Kredite und Vermögenswerte mit hohen CO2-Emissionen je Sektor/Branche und Gebiet in ihrem Portfolio entwickelt und wie hoch sein prozentualer Anteil ist.

Erst durch diese Erweiterung im Reporting, die ab 2022 greift, ist der Finanzsektor gezwungen, die Risiken des Wandels hin zu einer emissionsarmen und klimaresilienten Wirtschaft für ihre Kunden auf Basis einer differenzierten Untersuchung sowohl auf der Anlage- als auch auf der Kreditseite zu ermitteln. Der Ausweis der Klimabelastung innerhalb der einzelnen Kundensegmente macht eine Erweiterung der Datenbasis für die Messung und den Ausweis der Risiken unabdingbar: Klimakennzahlen wie die CO2-Belastung von Krediten und Wertpapieranlagen, die für eine methodische Analyse notwendig sind, gehören in der Regel nicht zu den Daten, die Banken erfassen und verarbeiten.

Die Entwicklung der geeigneten Methoden für das Reporting ist bei weitem noch nicht abgeschlossen. Während sich die deutsche Kreditwirtschaft zunächst noch gegen die Verwendung der im BaFin–Merkblatt genannten Methoden (Ausschlusskriterien/Limits, Positivlisten, Best-in-Class-Ansatz, Normbasiertes Screening/ESG-Integration) ausgesprochen hat, will sie nun gemäß ihrer Selbstverpflichtung hierfür doch eigene Methoden entwickeln, diese veröffentlichen und mit internationalen Verfahren abstimmen. Konsequenzen für die Eigenkapitalbelastung hat diese Berichtserweiterung zunächst nicht. Ob dies notwendig ist, will die EU-Kommission in den nächsten Jahren untersuchen lassen.

Allerdings erwartet die Aufsicht, dass Klimarisiken zukünftig auch in den Kredit-Ratingnoten berücksichtigt werden, sodass es hierdurch zu einer erhöhten Eigenkapitalbelastung kommen kann. Die europäische Aufsichtsbehörde für Wertpapiere ESMA fordert in ihren überarbeiteten Leitlinien von Rating-Agenturen mehr Transparenz darüber, ob ESG-Faktoren ein wesentlicher Faktor für die Änderung eines Ratings für Unternehmen sind.

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Das Fehlen einer langfristigen Sichtweise

Doch weshalb bedurfte es des regulatorischen Drucks, damit sich der Finanzsektor mit den Auswirkungen des Klimawandels beschäftigt? Es hilft sich vor Augen zu führen, dass der Klimawandel zentrales Thema des Weltwirtschaftsforums von Davos war, er jedoch aktuell durch die Corona-Krise in den Hintergrund gedrängt wurde. Dies zeigt ein grundlegendes Dilemma im Umgang mit dem Klimawandel: Es lässt sich immer etwas finden, was scheinbar aktuell in einer kurzfristigen Sichtweise wichtiger ist. Dies gilt auch für die Finanzmärkte. Bereits im September 2015 sprach Mark Carney, Vorsitzender des FSB (Financial Stability Board), in seiner Rede „Climate change and financial stability“ bei Lloyds von der Tragik des Horizontes bzw. des Betrachtungszeitraums hinsichtlich der Bedeutung des Klimarwandels für die Finanzwirtschaft.

In den nächsten 3 Jahren spielen die Auswirkungen des Klimawandels auf die aktuellen Geschäftsmodelle der Banken kaum eine Rolle – entsprechend zurückhaltend agieren sie, wenn es um die Berücksichtigung der Klimarisiken geht

Der Refinanzierungs-, aber auch der Risikohorizont von Kreditinstituten betrachtet in der Regel die nächsten 2-3 Jahre, wobei der unterjährige Zeitraum nochmal gesondert betrachtet wird. Dies ist auch der Zeitraum für die Geldpolitik der Notenbanken, während bei der Finanzstabilität entsprechend dem Kreditzyklus die nächsten 10 Jahre betrachtet werden. In den nächsten 3 Jahren spielen die Auswirkungen des Klimawandels auf die aktuellen Geschäftsmodelle der Banken kaum eine Rolle. Entsprechend zurückhaltend agieren die Banken, wenn es um die Berücksichtigung der Klimarisiken geht. Ähnlich sieht es aus bei Fondsmanagern, die ihre Ergebnisse mindestens jährlich vorlegen. So urteilte die Deutsche Kreditwirtschaft als Sprachorgan der Bankenverbände in ihrer Stellungnahme zum BaFin–Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken:

„Der Einbezug von Nachhaltigkeitsaspekten als ein möglicher Risikotreiber für die jeweiligen Risiken in das Risikomanagement ist immer nur dann sinnvoll und erforderlich, wenn sich daraus für ein Institut wesentliche Risiken ergeben.“

Dies ist gleichbedeutend mit der Aussage, dass eine Berücksichtigung dieser Risiken aktuell als noch nicht notwendig angesehen wird.

Bei einer Ergänzung des Risikomanagements um eine langfristige Sichtweise, wie sie die EU Kommission in ihrem Aktionsplan fordert, ergibt sich allerdings ein anderes Bild: Sowohl auf der Kredit- als auch auf der Anlageseite gibt es Bankkunden, die auf den notwendigen Transformationsprozess noch nicht oder nur sehr schlecht vorbereitet sind. Dies trifft z.B. auf Unternehmen aus dem Automobil- und dem Energiebereich zu. Diese Sichtweise wird durch aktuelle Entwicklungen bei den Ratingagenturen gestützt: Nach S&P sind in den letzten Jahren 10-15% der Ratingveränderungen direkt mit veränderten Umweltfaktoren begründet. Um ein gutes Kreditrating zu behalten, ist es nötig, langfristig profitabel zu bleiben, und das ist in vielen Fällen nur möglich, indem das Geschäftsmodell an die neuen Gegebenheiten angepasst wird.

Nachhaltigkeit versus kurzfristige Gewinnerwartung

Die Einbeziehung eines langfristigen Betrachtungszeitraums wird die Notwendigkeit des Transformationsprozesses anhand der Risiken verdeutlichen, allerdings scheuen sich die Banken noch, aktiv ihre Geschäftsmodelle entsprechend anzupassen. Ursache hierfür ist neben der eigenen kurzfristigen Ausrichtung auch die externe Sicht auf die Banken: Neben den kurzfristigen Refinanzierungsmodellen zwischen den Teilnehmern des Finanzmarktes (Repo-Handel, Derivatemarkt etc.) spielt auch die Erwartungen an den Geschäftserfolg eine wichtige Rolle: Jede negative Veränderung im Zahlenwerk (Quartalszahlen, Halbjahresbilanzen usw.) kann zu einer Abstufung im Rating führen.

Alleine bei Hypotheken und dem Begeben von Anleihen wird diese kurzfristige Sichtweise durchbrochen. Hier gibt es einen kleinen Trend hin zu „Green Bonds“, allerdings fehlen aktuell noch einheitliche Qualitätskriterien für solche ökologisch nachhaltige Anleihen. Zwar gibt es freiwillige Standards wie die Green Bond-Principles sowie Mindeststandards für die Emission von sogenannten „Grünen Pfandbriefen“, doch bisher ist der Begriff „Green Bond“ leider nicht streng geschützt. Trotzdem verwundert es ein wenig, dass sich in der Selbstverpflichtung nur eine allgemeine Aussage zur Ausrichtung der Produkte zur Erreichung der Klimaneutralität findet, ohne dass auf die Ausgabe solcher grünen Anleihen eingegangen wird.

Die Kreditinstitute wollen ihren Kunden zwar die erforderlichen Mittel für den Transformationsprozess zur Verfügung stellen, aber die Initiative soll am besten von den Kunden kommen

Vielmehr will man sich in erster Linie gemeinsam mit den Kunden für deren Transformation und die der Wirtschaft hin zur erforderlichen Klimaneutralität bis 2050 engagieren – die Kreditinstitute wollen ihren Kunden zwar die hierfür erforderlichen Mittel zur Verfügung stellen, aber die Initiative soll am besten von den Kunden kommen. Zu groß ist die Angst vor negativen Auswirkungen auf die eigene Bilanz, wenn man dies selber (z.B. durch entsprechende Risikoaufschläge bei Krediten) forcieren würde. Ob die Bereitschaft der Kunden, sprich der Unternehmen, jetzt in diesen Transformationsprozess einzusteigen, vorhanden ist, ist fraglich. Finanziell besteht kein Anreiz dies zu tun, zumal es bei der derzeitigen Geldschwemme für Unternehmen einfach ist, sich frisches Geld zu besorgen.

Dies wäre anders, würde für die CO2-Belastung ein annähernd realistischer Preis verlangt. Es besteht eigentlich weitestgehend Einigkeit in der Ansicht, dass ein weltweit einheitlicher und steigender CO2-Preis die ökonomisch beste Variante zur Reduktion des CO2-Ausstoßes ist. Seitens der Regierungen fehlt hier allerdings der Mut, dies voranzutreiben, im Gegenteil: Es darf in diesem Zusammenhang an die Diskussion um den Kohleausstieg erinnert werden, bei der ein Ausstieg im Jahre 2038 als Erfolg gefeiert wurde.

Klimawandel und Finanzstabilität

Aus klimapolitischer Sicht war diese Einigung ein Desaster, hierfür hätte es mindestens einen Ausstieg bis 2030 geben müssen. Auch wenn dies eine politische Entscheidung war, die eher den Einfluss der entsprechenden Lobbyverbände dokumentiert, spiegelt es auch die Angst der Geldpolitik vor einem zu radikalen Wandel wider. Dass dem Transformationsprozess wegen des Klimawandels Gefahren für die Finanzstabilität innewohnen, ist den Aufsichtsbehörden schon seit längerem bewusst. Bereits im Februar 2016 stellte das Europäische Board für Systemrisiken (ESRB) fest, dass ein zu später oder zu plötzlicher Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft jeweils negative Folgen auf das Finanzsystem hätte: Im ersten Fall wäre mit dem Ausfall oder Wertverlust der Unternehmen in der Kohlenstoff-Industrie zu rechnen, im zweiten Szenario steigen die Kosten für die physischen Schäden, sodass das Kapital für Investitionen fehlt.

Die Risikoarten des Klimawandels sind für das Finanzsystem so gefährlich, weil es immer noch mit einer viel zu dünnen Eigenkapitalausstattung operiert und nicht in der Lage ist, größere Kreditausfälle zu kompensieren

Der scheidende Chef der Bank of England, Marc Carney, spricht vom „grünen Minsky-Moment”, falls der ökonomische Druck auf Grund des Klimawandels steigt. Als Minsky-Moment bezeichnet man den Zeitpunkt, an dem kreditfinanzierte Blasen platzen, es also zum ultimativen Margin Call kommt, weil alle Finanzmarktteilnehmer gleichzeitig höhere Sicherheiten von ihren Geschäftspartnern fordern und riskante Positionen abbauen. Die beiden Risikoarten des Klimawandels sind für das Finanzsystem deshalb so gefährlich, weil es auch zehn Jahre nach der Lehman-Krise immer noch mit einer viel zu dünnen Eigenkapitalausstattung operiert und nicht in der Lage ist, größere Kreditausfälle zu kompensieren.

Seit der Lehman-Krise 2008 versuchen die Notenbanken, ein solches Szenario eines weltweiten Crashs zu verhindern. In Folge der extremen Rettungs- und Stimulierungsmaßnahmen der letzten elf Jahre sind die Finanzmärkte heute nicht nur mit rekordhochverschuldeten (Zombie-)Unternehmen, Staaten und Verbrauchern, sondern auch mit einer historisch beispiellosen gleichzeitigen Blasenbildung an den Aktien- und Anleihemärkten belastet.

Die Wahrscheinlichkeit für einen Minsky-Moment steigt, je radikaler der Umbau der Wirtschaft forciert würde. Aber auch ohne Crash sehen die Experten der BIZ die Gefahr von dramatischen Verteilungskonflikten zwischen, aber auch innerhalb von Ländern.

Klimawandel und Finanzmarkt – zwischen Skylla und Charybdis

Es sind Zweifel angebracht, ob der Finanzsektor und insbesondere die Kreditinstitute selbst bei gutem Willen Treiber für den Wandel hin zu einer klimaresilienten Wirtschaft sein können. Weshalb?

Das Problem der Kurzfristorientierung der Finanzmärkte und der mangelnden Wirksamkeit der Berücksichtigung von Klimarisiken wird bisher deutlich zu wenig adressiert

Wie dargelegt ist einerseits die Eigenkapitalausstattung der Banken nach wie vor zu dünn, um zusätzliche Finanzierungen tragen oder größere Kreditausfälle kompensieren zu können. Natürlich haben die großen Investoren wie Vermögensverwalter und Fonds einen Einfluss auf die Unternehmen, aber ihre Intention beim Klimawandel ist egoistisch geprägt: Ihnen geht es um die Vermeidung von Verlusten bei ihren Vermögenswerten auch im kurzfristigen Zeitraum. Andererseits haben die Notenbanken mit ihrer billigen Geld- und Niedrigzinspolitik in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass die Banken kaum Steuerungsmöglichkeiten über höhere Zinsen haben und somit auch Unternehmen überleben konnten, die es in normalen Zeiten nicht geschafft hätten.

Welche Möglichkeiten bleiben da noch? Aus Sicht der BIZ kann die Transformation unter Wahrung der Finanzstabilität nur durch ein Zusammenspiel von Regulierung, Geld- und Fiskalpolitik gelingen. Eine solche Abstimmung könnte die Umorientierung zu einer eher langfristig orientierten, nachhaltigen Finanzwirtschaft auf den Weg bringen, den Ausbau der öffentlichen Infrastruktur fördern und Anreize für private Investitionen schaffen.

Schaut man auf die bisherigen Bemühungen von Notenbanken, Aufsichtsbehörden und Regierungen, dann sind diese zwar durchaus eindrucksvoll. Zuletzt hat auch die Europäische Zentralbank sich mit ihren Plänen, künftig im Rahmen ihrer Anleihekaufprogramme verstärkt ökologische Kriterien zu berücksichtigen, in diese Richtung bewegt. Allerdings bleiben diese Bemühungen alle bei der Ökologisierung stehen. Das zugrundeliegende Problem der Kurzfristorientierung der Finanzmärkte und der mangelnden Wirksamkeit der Berücksichtigung von Klimarisiken in einem Umfeld, in dem generell die Risikobepreisung nicht richtig funktioniert, wird allerdings bisher deutlich zu wenig adressiert. Doch nur beide Aktivitäten zusammen können erreichen, dass der Finanzmarkt zum Motor für die ökologische Transformation der Wirtschaft wird.

 

Zu den Autoren:

Joachim Wardenga ist freier Unternehmensberater für Banken mit den Themen Risikomanagement, Aufsichtsrecht und Reporting. Er beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit den Auswirkungen neuer gesetzlicher Vorgaben auf die Prozesse und den Datenhaushalt bei Banken. Aktueller Schwerpunkt ist neben der Implementierung von CRD V / CRR II die Erweiterung der Offenlegungsanforderungen um Klimarisiken.

Gerhard Schick ist promovierter Volkswirt, ehemaliges Mitglied des Bundestages, Mit-Initiator des Vereins Bürgerbewegung Finanzwende und dessen geschäftsführender Vorstand. Er hat sein Bundestagsmandat für die Arbeit in der Nichtregierungsorganisation zum 31.12. 2018 niedergelegt.


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