Schreibwerkstatt „Varieties of Mainstream Economics?"

Schreibwerkstatt:

Varieties of Mainstream Economics?

Wie offen ist der Mainstream? Wie aktuell die Kritik und der Ruf nach Pluralismus?

21. - 24. März 2019, Cusanus Hochschule, Bernkastel-Kues  

 

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Wir möchten im März 2019 die Schreibwerkstatt „Eine neue Kritik des neuen Mainstreams“ fortsetzen. Deshalb laden die Lokalgruppen des Netzwerks für Plurale Ökonomik der Humboldt-Universität (Was ist Ökonomie?) und die der Cusanus Hochschule herzlich zu einer Exploring Economics Schreibwerkstatt  an die Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues ein:

Die Debatte um Pluralismus in den Wirtschaftswissenschaften hat einen kritischen Punkt erreicht: Nach anfänglicher Zurückweisung der Pluralismus Forderung, beanspruchen immer mehr dem "Mainstream" zugeschriebene Wirtschaftswissenschaftler*innen für sich, der Mainstream sei bereits plural. Unter anderem bestätigen Sie die Einseitigkeit gegenwärtiger Lehrbuchökonomik, rechtfertigen diese jedoch als notwendige Grundlage für eine bereits verheißungsvoll plurale Forschungslandschaft. Auch Methodolog*innen der Wirtschaftswissenschaft beobachten ein "Ende der Neoklassik" (Colander 2000) und einen neuen "Mainstream Pluralism" (Cedrini und Fontana 2017).

Weder Methodolog*innen noch Wirtschaftswissenschaftler*innen können bisher das verbindende Element dieser neuen Variationen benennen. Angesichts der zunehmenden Spezialisierung werde es auch nach eigener Aussage immer schwieriger den Überblick über das eigene Fach zu bewahren (Vgl. Bachman 2017, Becker 2017, Warmbach 2018). Dies wirft Fragen auf: Droht der Mainstream sich selbst in einem "Anything Goes" aufzulösen? Oder haben sich durch die unsichtbare Hand des akademischen Marktes längst die besten Ansätze durchgesetzt? Lässt sich aus pluraler Sicht wirklich bereits von einer angemessenen Öffnung sprechen? Was sind verbindende Muster und Elemente der Öffnung seit den 70er Jahren?

Gemeinsam mit Dir und Deiner Neugier wollen wir uns unvoreingenommen auf einen Teil dieser Vielfalt einlassen. In kleinen Gruppen von 3-5 Personen und je eine*r Nachwuchswissenschaftler*in möchten wir in einen Forschungsstrang oder eine mögliche Kritiklinie wie "Normative Turn" und "Postkoloniale Kritik" eintauchen. Festhalten wollen wir dabei, was an Neuem und welche alten Bekannten uns dabei begegnen. Am Ende wollen wir gemeinsam auftauchen und prüfen, was verbindende Muster in den neuen Trends sein könnten und ob eine neue Rahmung nötig ist oder bereits existierende kritische Lektüre bestätigt wird. Ziel sind kleine Essays mit unseren Ergebnissen, die anschließend auf Exploring Economics (deutsch/englisch) und wahrscheinlich in einer Extraausgabe des International Journal of Pluralims and Economic Education veröffentlicht werden können!

Gruppen

Statistik und Gender Economics (Franziska Dorn - Universität Göttingen):
Geschlecht findet immer mehr Betrachtung in der ökonomischen Forschung. Meist wird hierfür eine binäre Variable verwendet. Reicht dies aus, um Unterschiede zu analysieren? Geben die statistischen Methoden hierzu genügend Aufschluss? Oder ist eine qualitative und facettenreichere Betrachtung notwendig?

Environmental Economics (Johannes Wegmann - Universität Göttingen):
Mit der Environmental Economics bekam die Natur in den 1960er Jahren einen Preis/Wert in der VWL mit weitreichenden Folgen insbesondere auf die Politikberatung (z.B. Emissionshandel). Ist das schon Plural? Wo liegen die Stärken dieses Ansatzes? Was sind die Grenzen? Welche Anknüpfungspunkte gibt es zu Ecological Economics? Welche Kontraste?

Gemeingüter vs. Commoning (Johannes Euler – Kulturwissenschaftliches Institut Essen):
Spätestens seitdem Elinor Ostrom 2009 akademischen Weltruhm erlangt hat, ist die Auseinandersetzung mit sogenannten Gemeingütern aus der volkswirtschaftlichen Nische getreten. Ostrom kritisiert Hardins Tragödie der Allmende anhand empirischer Beispiele und nimmt die Gelingensbedingungen der Selbstorgansation nachhaltiger Ressourcennutzung in den Blick. Ostroms Ansatz wird wiederum unter anderem dafür kritisiert, dass er die Güter zu sehr in den Mittelpunkt rücke. Stattdessen gehe es um die sozialen Praktiken, das Commoning, und die damit einhergehenden Beziehungen. Commoning als Form des alternativen Wirtschaftens gilt mitunter als hoffnungsvolle Möglichkeit für eine nachhaltige, postkapitalistische Welt. In der Schreibwerkstatt soll es darum gehen, diese beiden Perspektiven – Gemeingüter und Commoning – in Beziehung zu setzen und die Unterschiede herauszuarbeiten.

Verhaltensökonomisches Regieren (Anja Breljak - Universität Potsdam​​​​​​​, Felix Kersting - Humboldt-Universität zu Berlin):
Verhaltensökonomie gilt als eine der Antworten der Mainstream-VWL auf die weit verbreitete Kritik an unrealistischen Annahmen. In dieser Gruppe wollen wir in einem ersten Schritt die Ideale der Verhaltensökonomie herausarbeiten. In einem zweiten Schritt wollen wir 
analysieren, wie Verhaltensökonomie genutzt wird, Gesellschaft zu gestalten. Dabei werden wir u.a. auf Anwendungen der Forschung zu 
Nudging, Behavioral Finance, Behavioral Development und Social Preferences eingehen.

Normative Turn (Florian Rommel - Cusanus Hochschule):
Beobachter*innen des Mainstreams sprechen von einem "normative turn", der sich seit den 1970er Jahren vollzogen habe. Im Zuge der Stagnation in der Entwicklung der Gleichgewichtstheorie in den 1970er Jahren erhielt eben diese Theorie einen normativen Maßstab. Neue Forschungsfelder wie Verhaltensökonomik und Mechanism Design versuchen die Lücke zwischen deskriptiven Beobachtungen und normativen Zielvorgaben zu schließen. Genau dort wollen wir ansetzen, uns die These des normativen turns erarbeiten und anhand konkreter Forschungsfelder erschließen.

Philosophische Kritik und neue Handlungsbegriffe (Hannes Bohne - Cusanus Hochschule):
Mit der empirischen und normativen Wende in den Wirtschaftswissenschaften haben sich Handlungsbegriffe in der Ökonomik etabliert, die vorher nur als Annäherung an tatsächliches Handeln verstanden wurden. Die Frage ist jetzt eher so gelagert, ob ökonomische Handlungsbegriffe eine gute Vorgabe für ökonomisches Handeln geben, als dass sie die Realität menschlichen Handelns treffen. Philosophische Positionen üben schon lange Kritik an diesen Ansätzen, die sich jetzt mit der Neuausrichtung des ökonomischen Mainstreams etabliert haben. Mit dem politisch-theoretischen Denken Hannah Arendts und im Vergleich mit Ansätzen der Praxeologischen Wissenssoziologie wollen wir einmal die Reichweite des ökonomischen Handlungsbegriffes erörtern und eingrenzen, sowie darüber hinausgehend erste Entwürfe davon anfertigen, welche zukünftigen Handlungsbegriffe tatsächliches ökonomisches Handeln besser abbilden könnten.

Postkoloniale Kritik der Verhaltensökonomik (Myriam Kaskel und Lukas Mahlich, AK Plurale Ökonomik, Universität Kassel):
In diesem Teil der Schreibwerkstatt wollen wir uns mit Artikeln beschäftigen, die den Bereich der Verhaltensökonomik sehr beeinflussten/dies noch tun und die teilweise durch einen starken thematischen Zusammenhang mit der kritischen Perspektive der Postkolonialen Kritik verbunden sind: "ERC: A Theory of Equity, Reciprocity, and Competition" von Axel Ockenfels und Gary Bolton (2000) und "In Search of Homo Economicus: Behavioral Experiments in 15 Small-Scale Societies" von Joseph Henrich et al. (2001). Ersterer erweitert das Model des homo oeconomicus. Das zweite Paper enthält Ergebnisse zu verhaltensökonomischen Untersuchungen des Verhaltens indigener Gruppen in 15 verschiedenen Ländern in Ultimaten- und Diktatorspielen. Wir wollen uns vergegenwärtigen welche Kritikpunkte der Postkolonialen Perspektive in der Literatur als besonders relevant erscheinen und geteilt werden und davon ausgehend testen inwiefern diese Kritik auf die beiden ausgewählten Publikationen anwendbar ist, die in vielen Universitäten als unkritisches Lehrmaterial genutzt werden. Darüber hinaus wollen wir diskutieren welche Erkenntnisse uns die Postkoloniale Kritik im Hinblick auf unser eurozentrisches Wissenschaftsverständnis mit auf den Weg gibt, um so zur pluralen Kritik des Feldes beizutragen.

 

Anmeldung und Rahmen

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Die Anmeldefrist endet am 20. Januar 2019. Es ist möglich, drei Präferenzen anzugeben und wir bitten euch, in der Anmeldemaske eine kurze Motivation für eure Teilnahme zu schreiben. Bis zum 7. Februar 2019 geben wir euch eine Rückmeldung und stellen euch 3-5 Texte zu eurer Gruppe zur Verfügung, die eine gemeinsame Arbeits- und Gesprächsgrundlage bieten sollen.

 

Am Donnerstag den 21. März um 15 Uhr treffen wir uns dann im ehemaligen Schlosshotel und Jugendherberge dem selbstverwalteten Studierendenhaus der Cusanus Hochschule an der Mosel. Nach einer gemeinsamen Einführung und einem kurzen Input zu Pluralismus und Paradigmen teilen wir uns in die verschiedenen Gruppen, in denen dann 2 Tage lang diskutiert, studiert und geschrieben werden kann. Die Gruppen sind während dessen völlig autonom darin, ob tagsüber oder nachts, am Tisch, auf dem Moselsteig oder beim Gärtnern gedacht und geschrieben wird. Am Samstagabend berichten wir uns gegenseitig aus unseren Gruppen und teilen unsere Erkenntnisse. Der komplette Sonntag wird in verschieden moderierten Räumen dazu dienen, eine Metaperspektive einzunehmen. Am Nachmittag soll eine Orientierung stehen und dokumentiert werden. Im Anschluss seid ihr frei aber auch herzlich eingeladen das alles noch ausgiebig am Sonntagabend zu feiern. Es steht euch außerdem offen, noch eine Woche bis max. zum 29. März. zu bleiben und die gemeinsam geschöpfte Kreativität in Essays oder Hausarbeiten fließen zu lassen oder an euren anderen Projekten zu arbeiten.

Während der Zeit bespielen wir gemeinsam die Großküche mit Blick auf die Moselschleifen und versuchen den Ort so zu verlassen, wie wir ihn vorgefunden haben. Für die Kosten für Haus und Verpflegung bitten wir euch um einen selbst festzulegenden Beitrag. Als Richtwert könnt ihr 5 Euro pro Nacht und 2-3 Euro pro Mahlzeit nehmen. Dank eines „Event Grants“ des „Institute for New Economic Thinking“ können wir Reisekosten erstatten.

Für Rückfragen stehen wir Euch gern zur Verfügung (E-Mail: bernkastel-kues@plurale-oekonomik.de).

Veranstaltet von:

Was ist Ökonomie? und der Cusanus Hochschule

Unterstützt von Exploring Economics

Exploring Economics ist eine Open-Source Online-Lernplattform, die Studierenden der Wirtschaftswissenschaften und anderer Disziplinen die Möglichkeit gibt, Theorien und Themen der pluralen Ökonomik zu entdecken und zu studieren.

Young Scholar Initiative ist eine Initiative des Institute for New Economic Thinking, die Studierende, junge Berufseinsteiger*innen und weitere Akteure dabei unterstützt neue und kritische Denkweisen über die Wirtschaft auszuloten.