Der Kapitalismus – Keynes versus Hayek, ein Scheingefecht? (5/6)

Bruno Nahon & Ilan Ziv
YouTube (ARTE), 2014
Level: leicht
Perspektiven: Österreichische Schule, Neoklassik, Diverse, Postkeynesianismus
Thema: Kapitalismus, Krise, Ökonomische Geschichte, Geschichte des ökonomischen Denkens
Format: Dokumentation
Dauer: 51:58
Link: https://youtu.be/TQ1ac0xxiho

Woher kommt der Kapitalismus? Ist er eine natürliche Folge der gesellschaftlichen Entwicklung? Oder resultiert er aus Theorien, die im Laufe des politischen und technologischen Wandels entstanden sind? Die Serie "Der Kapitalismus" begibt sich weltweit auf die Suche nach Antworten und schreckt nicht davor zurück, alte Idole zu stürzen und Vorurteile auszuräumen. In sechs Folgen werden Menschen aus 22 Ländern befragt, darunter Jäger aus dem Amazonas-Gebiet, die letzten Kommunisten Chinas und Börsenmakler aus New York. Wie sieht die Welt nach der Krise 2008 aus? Mehr als 20 renommierte Wirtschafts-Experten versuchen das herauszufinden und begeben sich auf den Spuren der großen Denker, die die Geschichte des Kapitalismus geprägt haben.

Der Wettstreit der Ideen zwischen dem österreichischen Wirtschaftswissenschaftler Friedrich von Hayek und seinem britischen Kollegen John Maynard Keynes prägte große Teile vor allem der wirtschaftspolitischen Diskussion zwischen der Großen Depression und den 1980er Jahren.


Kommentar von unseren Editor*innen:

Beide Gelehrte wollten dem Kapitalismus nach der verheerenden Wirtschaftskrise der 30er Jahre - der bislang schwersten - zu neuem Schwung verhelfen. Die Dokumentation versucht den Kern dieses Wettstreits zu beleuchten, und warum er seither immer wieder aufflammt, insbesondere seit der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008. Allerdings bleibt sie dabei gerade mit Blick auf die makroökonomische Theorie von J.M. Keynes deutlich an der Oberfläche: Keynes' unmittelbare Nutzbarkeit als wirtschaftspolitische Doktrin hat zu einer gleichsam vulgären Interpretation seines Werks geführt, die seinen Namen im Begriff des "Keynesianismus" mit anhaltend hohen Staatsausgaben gleichsetzt.

Wichtiger dagegen wäre gewesen, den fundamentalen theoretischen Unterschied zwischen Hayek und Keynes herauszuarbeiten: Während Hayek fest dem traditionellen Gleichgewichtsdenken der Volkswirtschaftslehre verhaftet blieb, wonach sich ein (!) makroökonomisches, dynamisch stabiles Gleichgewicht durch freies Spiel der Kräfte stets von allein einstelle, sofern sich der Staat nur heraushalte, beruht Keynes' gesamte Theorie auf seiner Annahme, dass auf Grund fundamentaler Unsicherheit und der damit einhergehenden Begleiterscheinungen multiple Gleichgewichte existierten, von denen mehrere ohne staatliches Zutun auch hohe Arbeitslosigkeit beinhalteten.

Ein denkwürdiges Zitat von Keynes besagt, dass eine schlechte Wirtschaft schlechte Politik nach sich ziehen würde. Deswegen sei es notwendig zu versuchen sozialen Zusammenhalt mit politischer Stabilität in Einklang zu bringen. Falls eine Wirtschaftstheorie diese beiden Ziele vernachlässigen sollte, würde das zu schweren sozialen und politischen Verwerfungen führen. Die schweren sozialen Verwerfungen in Deutschland gegen Ende der 1920er Jahre aufgrund der Weltwirtschaftskrise von 1929 und der folgenden Austeritätspolitik resultierte in einer Deflationsspirale und verschlimmerte die gesamtwirtschaftliche Situation: Massenarbeitslosigkeit und politische Instabilität mündete folglich im totalitären Faschismus.

Die auf Hayek beruhende (neo)liberale Gegenbewegung zum zur wirtschaftspolitischen Doktrin verzerrten "Keynesianismus" ab Ende der 1970er Jahre war nichts Geringeres als eine Konterrevolution, die auch von ihren politischen Protagonisten wie Ronald Reagan und Margaret Thatcher ausdrücklich so benannt wurde. In der Folge wurden Einkommens- und Vermögensungleichheit weitgehend ausgeblendet und in der Überzeugung perfekt rationaler Märkte mit absoluter Voraussicht als unvermeidbar abgetan; so überraschte die Globale Finanzkrise 2008/09 Volkswirtschaftslehre und Regierungen größtenteils unvorbereitet.

Insofern handelt es sich bei der Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Ökonomen ausdrücklich nicht um eine Scheindebatte, sondern um eine der ganz großen Fundamentaldebatten der volkswirtschaftlichen Theoriegeschichte.


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