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Regulationstheorie

Jakob Kapeller
Exploring Economics, 2022
Level: leicht
Perspektive: Diverse
Thema: Kapitalismuskritik, Reflexion der Ökonomie
Format: Grundlagentext

Regulationstheorie

 



 

Einleitung

Die Regulationstheorie befasst sich mit der Frage warum der Kapitalismus als wachstumsorientiertes Wirtschaftssystem Krisen produziert und es dennoch schafft als dominantes Wirtschaftssystem unserer Zeit fortzubestehen. Die Regulationstheorie (französisch: „école de la régulation") entstand in den französischen Städten Paris und Grenoble angetrieben von den ökonomischen Problemen der Wirtschaftskrise 1974/1975. Im Zentrum der Theorie steht der Vorgang der Akkumulation und Regulation – der Widerspruchsbehandlung kapitalistischer Systeme. Damit sich kapitalistischen Akkumulationsregime durchsetzen können müssen die produzierten kapitalistischen Widersprüche über die zivilgesellschaftliche Sphäre behoben werden. Die Regulation, also die Aufhebung der Widersprüche, ermöglicht die Entwicklung, Etablierung und Stabilisierung unterschiedlicher kapitalistischer Akkumulationsregime. Ein Merkmal der Regulationstheorie ist, dass neben ökonomischen Entwicklungen auch gesellschaftlichen Transformationen und der Entstehung von Normen und Institutionen große Bedeutung beigemessen wird. (vgl. Aulenbacher/Riegraf 2013: S. 92ff.)

 

Denkfiguren, Weltbilder und historische Herangehensweise

Die Regulationstheorie entstand in Frankreich und gilt als Kind der StudentInnen- und Protestbewegung aus dem Jahr 1968. Die damaligen globalen wirtschaftlichen Umbrüche stießen ÖkonomInnen an, ein innovatives Konzept zur Analyse und Kritik des Kapitalismus zu entwickeln – die Regulationstheorie. (vgl. Becker 2013: S. 24) Die Regulationstheorie wird von der marxistischen Ökonomie und der institutionellen und evolutionären Ökonomie geprägt. Im Sinne der marxistischen Ökonomie rückt die Regulationstheorie die Widersprüche kapitalistischer Produktionsweisen ins Zentrum und gemäß des institutionell-evolutionären Ansatzes spielen der soziale und der ökonomische Wandel eine bedeutende Rolle. (vgl. Becker 2013: S. 24) Als Basiswerk der Regulationstheorie gilt Michel Agliettas Werk „Régulation et crises du capitalismec“. (vgl. Aulenbacher/ Riegraf 2013: S. 92f.) Weiters bauen RegulationstheoretikerInnen auf den Theorien Antonio Gramsci's auf, der zur Analyse der Entstehung und gesellschaftlichen Verankerung des amerikanischen Fordismus sein Hegemoniekonzept entwickelte. (vgl. Candeias 2007: S. 17f.)

Die Regulationstheorie ist eine relativ junge alternative Theorie zum neoklassischen Gleichgewichtsmodel. Die Regulationstheorie hat im Gegensatz zur Neoklassik einen strategisch langfristigen Zeithorizont. Ebenso kennt die Neoklassik keine Institution außer dem Markt, welcher ein beständiges Gleichgewicht anstrebt. Institutionen spielen in der Regulationstheorie eine zentrale Rolle. Sie gleichen entstandene Disharmonie zwischen Wirt-schaftssystem und sozialer Ordnung aus. Disharmonien bzw. Krisen lösen in der Regulationstheorie innere Widersprüche, welche des Wirtschaftssystems an sich hervorruft oder auch bewusst erzeugt werden, durch nicht absehbare Folgen von Handlungen sozialer AkteureInnen. Das Lösungskonzept für Krisen ist in der Regulationstheorie daher ein auf Institutionen basierter intersystemischer Umbruchs- oder Wandlungsprozess, in dem es kein Endgleichgewicht gibt. Besonders Augenmerk liegt in der Analyse der Entwicklungsdynamik meist auf der Rolle der sozialen Bewegungen und Klassen in marxistischer Tradition. (vgl. Hübner 1989: S. 23-26)

Die regulationstheoretischen Analysen besagen, dass die jeweiligen '''Akkumulationsregime''' kapitalistischer Phasen stets Widersprüche hervorrufen, welche eine Bedrohung für das System an sich darstellen würden. Diese Widersprüche führen jedoch nicht zum Ende des kapitalistischen Systems, da sich das Akkumulationsregime spezifische Regulationsweisen zu Nutze macht, um fortbestehen zu können. Was folgt ist der Schritt von einer kapitalistischen Phase in die nächste Phase. Es entsteht eine neue Form der Interaktion zwischen ökonomischen und sozialen Gegebenheiten, die sich in Institutionen und Normen manifestiert. Hier wird deutlich, dass diese krisenhaften Umstrukturierungsprozesse für den Kapitalismus sehr wichtig sind, da diese sein Fortbestehen sicherstellen. (vgl. Aulenbacher/Riegraf 2013: S. 92)

Die Regulationstheorie analysiert die zeitweise stabile größtenteils jedoch krisenhafte Natur unterschiedlicher kapitalistischer Phasen. Es wird hier also nicht von dem Kapitalismus an sich gesprochen sondern es die Auffassung geteilt, es gäbe unterschiedliche kapitalistische Phasen und Ausprägungen, '''Varieties of Capitalism''', welche sich durch ihr Akkumulationsregime und ihre dazugehörige Produktionsweise differenzieren. Der Kapitalismus ist daher wandelbar und anpassungsfähig, wodurch historisch und räumlich unterschiedliche Formen entstehen. (vgl. Aulenbacher/Riegraf 2013: S. 92f.) Neben diesen grundsätzlichen Denkfiguren und Weltbildern sind die Begriffe Akkumulation, Akkumulationsregime und Regulationsweise die zentralen Konstrukte der Regulationstheorie.

Die Regulationstheorie geht davon aus, dass der Kapitalismus in seinen sämtlichen Phasen von einem „Geld – Ware – mehr Geld – Kreislauf“ dominiert wird. Das heißt der Kapitalismus ist von einem inneren Zwang zur permanenten Kapitalakkumulation getrieben. (vgl. Becker 2013: S. 36f.) Durch diesen inhärenten Zwang Kapital zu akkumulieren, produziert die kapitalistische Produktionsweise grobe Widersprüche, die für das System potentielle Bedrohungen darstellen. (vgl. Sablowski 2013: S. 88) Das '''Akkumulationsregime''' bildet die ökonomischen Gegebenheiten in den jeweiligen kapitalistischen Phasen. Akkumulationsregime sind Prozesse, welche die Verteilung des gesellschaftlichen Produktes, bestehend aus Gütern und Kapital, bewerkstelligen. Diese Regime regeln sowohl den industriellen Produktionssektor, als auch die gesellschaftlichen Konsumationsbedingungen (vgl. Lipietz 1985a: S. 120). Die Regulationstheorie geht davon aus, dass in unterschiedlichen Phasen des Kapitalismus unterschiedliche Akkumulationsregime vorherrschen. (vgl. Aulenbacher/Riegraf 2013: S. 96f.)

Die '''Regulationsweise''' sorgt dafür, dass die ökomischen Verhaltensweisen des Akkumulationsregimes gesellschaftlich manifestiert und lebbar gemacht werden. Wie diese gesellschaftliche Verankerung des Akkumulationsregimes erfolgt wird durch Gramsci‘s Hegemoniekonzept veranschaulicht. Die Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise sorgen für Konflikte und soziale Auseinandersetzungen in der zivilgesellschaftlichen Sphäre. Beispiele solcher Konfliktlinien sind etwa die ArbeiterInnenfrage oder Umweltbelastungen die durch die kapitalistische Produktionsweise entstehen. Durch Mechanismen der Regulationsweise – sogenannte Regulationsformen – gelingt es jedoch diese Konflikte zu entschärfen und sozialen Konsens zu schaffen. (vgl. Candeias 2007: S. 22f.) Diese Konflikte lösen sich nie völlig, sondern verlagern sich in andere Sphären. Hierbei entstehen Institutionen, Netzwerke, Normen und Regulierungen, die die Verhaltensweisen des jeweiligen Akkumulationsregimes sichern. Auf diese Weise können Individuen gemäß den hegemonialen Normen erzogen werden. Im sozialen Konsens sind Akkumulationsregime und Regulationsweise aufeinander abgestimmt und somit legitimiert. (vgl. Sablowski 2013: S. 94)
 

Herkunft und Ursprung

Frankreich

Entstanden ist die Regulationstheorie Mitte der 1970er Jahre in Frankreich in zwei verschiedenartigen Ausprägungen. Zuerst sei auf die Grenobler Schule um Gérard Destanne de Bernis hingewiesen, deren aber nicht die Bedeutung zukommt wie der Pariser Schule, der zweiten Ausprägung der Regulationstheorie (vgl. Becker 2009: S.90). Aus genannten Grund wird hier nur kurz auf die Grenobler Schule eingegangen.Parallel zu den VertreterInnen der Pariser Schule entwickelte die Groupe de Recherche sur la Régulation de l'Ecomie Capitaliste (GRREC) in '''Grenoble''' einen Forschungsansatz, der unter anderem von Karl Marx, sowie maßgeblich von den Arbeiten François Perroux über die räumlich ungleiche Entwicklung inspiriert war (vgl. Sablowski 2013: S. 85). Für die AnhängerInnen der Grenobler Schule deckte sich der Raum der Akkumulation mit dem der Regulation in einem Produktivsystem. Ein Produktivsystem bestehe dabei aus mehreren Staaten und es zeichnet sich durch das Bestehen von Zentrum und Peripherie aus. Die Mechanismen der Reproduktion, speziell das Geldverhältnis reproduzieren eine divergierende Entwicklung (vgl. Becker 2009: S. 90). Politisch verortbar sind die Grenobler AnhängerInnen bei der Parti Communiste Français (PCF) und sie standen für ein autonomes französisches Akkumulationsmodell. Doch wie schon erwähnt, sind sie trotz ihrer theoretischen Leistungen zur ungleichen Entwicklung heute eher schwach rezipiert(vgl. Becker 2009: S. 90).
Die '''Pariser Schule''' entstand aus kritischen Auseinandersetzungen mit dem strukturalistischen Marxismus von Louis Althusser. Dem französischen Philosophen Althusser war es nicht gelungen die Dynamiken und Krisen des kapitalistischen Systems konsequent zu erfassen, was schlussendlich auf die Vernachlässigung von AkteurenInnen in der Analyse zurückgeführt wurde. Doch waren Dynamiken, Krisen sowie kurzzeitige Stabilität in kapitalistischen Gesellschaften die essentiellen Fragestellungen für die RegulationistInnen aus Paris. Die AnhängerInnen dieser Schule sind von der 1968er Zeit politisch geprägt worden (vgl. Becker 2009: S. 90). Der wahrscheinlich bedeutendste Vertreter Michel Aglietta, der das grundlegende Werk Régulation et crises du capitalisme (vgl. Sablowski 2013 S. 85) verfasste, stand der Parti Communiste Français nahe. Alain Lipietz, ebenfalls ein bedeutender Vertreter war zum Beispiel dem Maoismus zugewandt, wobei er eine bedeutende Rolle bei den Grünen in Frankreich spielt. Bei den AnhängerInnen der Schule fiel auf, dass Theoriebildung und politisches Engagement miteinander verbunden waren (vgl. Becker 2009: S. 90-91). 

Nun zurück zu Agliettas essentiellen Werk aus dem Jahre 1976, wo er ausgehend von der Marx'schen Werttheorie Konzepte mittlerer Abstraktion zur Analyse stabilisierter Akkumulation, sowie diese stabilisierende Regulation konkreter Gesellschaftsformen herausarbeitete. Diese Konzepte entwickelte er anhand der Untersuchung des US-Kapitalismus. Die Ideen von Aglietta und anderer AnhängerInnen der Regulationstheorie sind durch die fordistische Phase der kapitalistischer Entwicklung geprägt worden. Der Fordismus war durch eine Verallgemeinerung der Lohnverhältnisse, sowie durch soziale Kompromisse geprägt. Dabei ist vor allem der Verteilungskompromiss und die produktivitätsorientierte Lohnpolitik hervorzuheben. Diese Kompromisse vermochten im Fordismus eine stabile Verbindung von Massenproduktion und Massennachfrage herzustellen. Als Bezugsrahmen für die Pariser Variante der Regulationstheorie ist der Nationalstaat anzusehen, was als großer Unterschied zu der Grenobler Schule gesehen wird (vgl. Becker 2009: S. 91). 

Viele AnhängerInnen der Pariser Schule sind auch heute noch den marxistischen Konzeptionen verbunden, doch hat sich der Hauptstrom der TheoretikerInnen den (post-)keynesianischen Konzepten zugewandt. Man verabschiedete sich von einer gesellschaftstheoretischen Fundierung und wandte sich immer mehr dem Institutionalismus zu (vgl. Simonis 2007). Jedoch ließ man das marxistische Denken nicht ganz hinter sich, denn die Lohn- und Konkurrenzverhältnisse werden weiterhin als essentielle Verhältnisse unserer Gesellschaft verstanden, weswegen man dem kapitalistischen Verhältnissen weiterhin kritisch gegenüber steht (vgl. Becker 2009: S.91-92). Doch blieben die Annäherungen zu keynesianischen Konzepten keineswegs verborgen. Die RegulationistInnen waren auch von der offensiven keynesianischen Nachfragepolitik in den 1980er Jahren in Frankreich sehr begeistert, doch sahen sie schon sehr bald, dass diese Politik an ihre Grenzen stoßen werde. Sie gaben zu verstehen, dass die keynesianische Nachfragepolitik durch eine Internationalisierung des Kapitals fruchtlos sei. Weiter greife die Technologiepolitik zur Bekämpfung des verlangsamten Produktivitätwachstums zu kurz, es brauche vielmehr eine Reorganisation der Arbeitsorganisation. (vgl. Becker 2009: S. 92)

In der Periode 1982/83 kam es zu einer liberalen Wende der Linksregierung und das politische Projekt der Pariser RegulationistInnen war erstmals auf Eis gelegt. Nach großen sozialen Protesten Mitte der 1990er Jahre, konnten sie punktuell gewisse Ziele erreichen, wie zum Beispiel die Arbeitszeitverkürzung. Nach der Rechtswende in Frankreich versuchten sie trotzdem am Ball zu bleiben und nach Kombinationen von nicht-tayloristischen Arbeitsorganisationen und Produktivitätswachstum zu finden. Doch stellten sie bald fest, dass die neoliberalen Formen der Regulation, die sogenannten „guten“, also die sozialdemokratischen Formen der Regulation verdrängten. (vgl. Becker 2009: S. 92-93)

Durch die mit den neoliberalen Formen der Regulation einhergehende Finanziarisierung der französischen Ökonomie wandte sich die Forschung der RegulationistInnen nun der finanzgetriebenen Akkumulation zu. Die AnhängerInnen vermochten bald eine Instabilität des Systems auszumachen, doch einigten sich ihre bedeutendsten Vertreter auf keine Lösung. Aglietta, Boyer und auch Lipietz waren für ein kapitalistisches Versicherungsvermögen in Arbeitnehmerhand in unterschiedlichster Form. Grundsätzlich könne die Kapitalisierung der Sozialversicherung sozial gestaltet werden und die  ArbeitnehmerInnen hätten somit Einfluss auf die Fondsverwaltung und schlussendlich auf die Unternehmenspolitik. Doch wurden sie durch diese Idee von vielen anderen RegulationistInnen kritisiert, denn dieses Model sei höchst krisenanfällig. (vgl. Becker 2009: S. 93) In den aktuellen Krisen gibt es keine einheitlichen Analysen, was wiederum unterschiedliche wirtschaftspolitische Empfehlungen hervorbringt. Sie konnten zwar die Krisenherde der Ökonomie, im Speziellen der US-Ökonomie, früh vorhersagen, doch gehen die Analysen durchwegs auseinander. Zum Beispiel plädierte Aglietta sehr stark für die Regulation der Finanzsphäre, während andere RegulationistInnen den GlobalisierungskritikerInnen von ATTAC nahe stehen. Diese fordern eine weit grundlegendere Veränderung der Regulation, vor allem in Hinsicht auf die Ökologie. (vgl. Becker 2009: S. 93-94)

Japan

Doch ist für die Regulationstheorie nicht nur Frankreich von Bedeutung, sondern Japan kann als zweites bedeutsames Zentrum angesehen werden. Der Schwerpunkt der japanischen Forschung liegt in den Analysen der Veränderung der japanischen Ökonomie, also von der industriell geprägten Prosperitätsphase zur Finanzkrise und der folgenden Stagnation. Weiter standen Analysen der Arbeitsorganisation und der herrschenden Lohnverhältnisse und der finanziarisierten Akkumulation im Spektrum der Forschung (vgl. Becker 2009: S. 94).

Deutschland

In Deutschland ist die Regulationstheorie nur wenig von ÖkonomInnen geprägt sondern von PolitikwissenschaftlerInnen. Dabei wurden vor allem Beiträge zu einer regulationstheoretischen Staatstheorie geleistet. Eine wichtige Persönlichkeit ist Joachim Hirsch, der das Konzept eines nationalen Wettbewerbsstaates entwickelte, der sich an den Imperativen einer industriellen Wettbewerbsfähigkeit ausrichtet. Mit der Verbindung zwischen Finanziarisierung, Regulation und der Staatlichkeit hat sich in Deutschland auch Thomas Sablowski beschäftigt. Neben der genannten Staatstheorie, wurde in Deutschland auch ein Schwerpunkt auf die Ökologie gerichtet (vgl. Becker 2009: S. 94).

Österreich

In Österreich wird der Regulationstheoretische Diskurs von Ökonominnen geführt, wobei die Arbeiten von Joachim Becker als wichtig erscheinen. Die österreichischen Arbeiten stechen wegen ihrer raumtheoretischen Bezüge und deren Berücksichtigung der speziellen Eigenschaften von Gesellschaften in Peripherien hervor (vgl. Becker 2009: S. 95). In Österreich sei nicht nur auf Joachim Becker verwiesen sondern auch auf Ulrich Brand der sich aus einer politikwissenschaftlichen Perspektive mit der Regulationstheorie beschäftigt. nähere Ausführungen zu österreichischen Varianten der Regulationstheorie finden sich bei Ash Odman 2006.

Hypothese, Mechanismen, Modelle

Die Regulationstheorie stellt die grundsätzliche Frage wie es der Kapitalismus schafft trotz seiner zahlreichen Krisen und Widersprüche in seinen historischen Phasen und regionalen Ausprägungsformen als weltweit dominantes ökonomisches System weiter zu existieren. 

Achsen der Akkumulation

Sämtliche kapitalistischen Akkumulationsregime besitzen für RegulationstheoretikerInnen einen inneren Zwang ständig mehr Kapital zu akkumulieren. Becker (2002) differenziert drei Achsen anhand derer die Akkumulation von Regimen typologisiert werden kann:

  • Produktive oder finanziarisierte Akkumulation
  • extensive oder intensive Akkumulation
  • extrovertierte oder introvertierte Akkumulation

(vgl. Becker 2002: S. 64ff.)

Produktive oder finanziarisierte Akkumulation

m Zentrum steht diesbezüglich die Frage, ob die Akkumulation in der produktiven Sphäre oder in der finanziellen Sphäre erfolgt. Bei der produktiven Sphäre entsteht die Akkumulation über Güter- beziehungsweise Dienstleistungsmärkte. Dies beruht auf dem marx'schen Konzept des Kreislaufes des industriellen Kapitals. KapitalistInnen verfügen über Geldkapital und transformieren es in produktives Kapital indem Arbeitskräfte und Produktionsmittel finanziert werden. Werden im Zuge der Produktion Güter gefertigt, entsteht Warenkapital. Werden die Waren am Markt verkauft, erhalten die KapitalistInnen wieder Geldkapital inklusive des in der Produktion entstandenen Mehrwerts. Letztlich wird dieses Geld wieder reinvestiert und der Kreislauf beginnt von neuem. Auf diese Weise wird Kapital akkumuliert. (vgl. MEW 24. zit. n. Sablowski 2013: S. 92)

Die finanziarisierte Akkumulation, die seit etwa 1990 stärker im Blickfeld gerät, umfasst finanzorientiere Kapitalanlagen. Hier wird Geldkapital in Wertpapiere investiert um Kapital letztlich in Form von Zinsen, Kursgewinnen oder Dividenden zu akkumulieren. (vgl. Becker 2013: S. 37) Das Finanzkapital und jenes der produktiven Sphäre stehen in Abhängigkeit und Verbindung zueinander. Die Einnahmen des Finanzkapitals sind letztlich umverteilte Einkommen, die dem industriellen Kapitalkreislauf entspringen. Andererseits handelt es sich bei Krediten um Finanzkapital, welches dazu dient die Schranken der industriellen Kapitalakkumulation aufzuheben. Sablowski bezeichnet den Kredit in diesem Sinne als Vorabvalidierung gesellschaftlicher Arbeit. Durch Schuldverhältnisse in Form von Krediten können KapitalistInnen mehr investieren als den Mehrwert, der in der Produktion entsteht. Dies ermöglicht eine intensivere und schnellere Kapitalakkumulation. (vgl. Sablowski 2013: S. 92f.)

Extensive oder intensive Akkumulation

Bei extensiver Akkumulation wird zusätzliches Kapital durch eine Ausweitung der Produktionskapazitäten erreicht. Dies kann beispielsweise durch die Erhöhung der Lohnarbeiterinnenzahl, längere Arbeitszeiten oder Reallohnsenkungen geschehen. Eine solche Vorgehensweise berücksichtigt nur die Seite der Produktion nicht aber jene der Konsumation und steigert daher den absolut produzierten Mehrwert. (vgl. Sablowski 2013: S. 89f.) Intensive Akkumulation berücksichtigt sowohl die Konsumations- als auch die Produktionsseite. Das bedeutet es wird die Steigerung der Produktionskapazitäten ebenso angestrebt wie eine gesellschaftliche Verankerung des kapitalistischen Massenkonsums industriell gefertigter Güter. Hier steht demnach die Entstehung des relativen Mehrwerts im Vordergrund. Der Konsum der Bevölkerung wird stark durch die Lebensweise und durch das Lohnniveau beeinflusst. Es ist fundamental, dass die Bereiche Produktion und Reallöhne, welche letztlich die Nachfrage sowie Konsum determinieren, im gleichen Ausmaß wachsen. (vgl. Sablowski 2013: S. 89)

Extrovertierte und introvertierte Akkumulation

Diese Differenzierung beschäftigt sich damit ob die Akkumulation eher binnenmarktorientiert, also introvertiert ist, oder ob sie extrovertiert ist und sich somit auf internationalen Handel fokussiert (vgl. Becker 2013: S. 39). Während nationale Barrieren der Akkumulation durch Globalisierung gelöst werden können, sind Widersprüche auf internationaler Ebene durch eine solche Verlagerungen nicht mehr lösbar. (vgl. Sablowski 2013: S. 91)

Gramsci's Hegemoniekonzept in der Regulationstheorie

Durch seinen systeminhärenten Drang nach Akkumulation produziert der Kapitalismus laut der Regulationstheorie in all seinen unterschiedlichen Phasen Widersprüche. (vgl. Sablowski 2013: S. 88) Akkumulation wird von sogenannten Akkumulationsregimen geregelt. Akkumulationsregime organisieren sowohl den industriellen Produktionssektor als auch die gesellschaftlichen Konsumationsbedingungen, und damit die Verteilung des gesellschaftlichen Produktes. (vgl. Lipietz 1985a: S. 120)

Zur Überwindung dieser Widersprüche der unterschiedlichen kapitalistischen Akkumulationsregime sind bestimmte Regulationsweisen nötig. Der Begriff der Regulationsweise berücksichtigt die Bedeutung des gesellschaftlichen Konsenses für die Legitimierung der Vormachtstellung kapitalistischer Akkumulationsregime. Die Regulationstheorie bedient sich hier der Denkansätze des italienischen Soziologen Antonio Gramsci. Besonders bedeutend für die Regulationstheorie ist das gramscianische Verständnis der Begriffe Hegemonie, Staat und Zivilgesellschaft. Im Sinne Gramsci‘s bedeutet Hegemonie die gesellschaftliche Vormachtstellung von Personen, Gruppen, Organisationen oder Institutionen in politischer ökonomischer religiöser und oder kultureller Hinsicht. Hegemonie kann auf erzwungener Unterwerfung basieren, ist jedoch stabiler wenn sie auf aktiver Zustimmung der Untergeordneten beruht. Dies geschieht indem bei den Unterworfenen ein Bedürfnis geweckt wird, die hegemoniale Situation aufrecht erhalten zu wollen. Solche Bedürfnisse entstehen, weil sich Individuen reale Vorteile im dominierenden System erwarten. (vgl. Candeias 2007: S. 19) Die Hegemonie kann ein Akkumulationsregime Beständigkeit verleihen, sofern sie sich nicht auf die Produktion von fiktivem Kapital stützt, sondern ihm reale produktive Mehrwerte (vgl. Becker 2002: S. 134)

Hegemonie ist für Gramsci wandelbar und stets umkämpft. Hegemoniale Konzepte, wie der Kapitalismus, haben inhärente Widersprüche, die auf unterschiedlichen Interessen von Individuen beruhen. Um sein Fortbestehen zu sichern ist es daher das Ziel eines jeden hegemonialen Projektes, diesen Widersprüchen entgegenzuwirken und öffentlichen Konsens zu schaffen. Gelingt dies nicht, treten Gegenprojekte auf, welche dem aktuellen hegemonialen Konzept die Vormachtstellung streitig machen und einen Wandel bewirken. Dieser Kampf um die Hegemonie und um den öffentlichen Konsens erfolgt bei Gramsci in der sozialen Arena der Zivilgesellschaft. Die Zivilgesellschaft setzt sich aus Institutionen wie Hochschulen, Medien, privaten Organisationen, Gewerkschaften, Wirtschaftsvereinigungen, Interessensverbänden usw. zusammen. Eine marxistische Trennung von gesellschaftlichem Unter- und Überbau findet für Gramsci jedoch nur bedingt Anwendung. Für Ihn ist die Vorstellung einer Hierarchie der Strukturen nicht praxisnahe, mehr bedingt eine bestimmte Wirtschaftsform eine bestimmte politisch-kulturelle Struktur und umgekehrt. Hegemonie ist nicht die Unterwerfung unter die Interessen einer vorherrschenden elitären Gruppe, sondern das Zurückstellen der Eigeninteressen für ethisch-politisch höhergestellte gesamtgesellschaftliche Interessen. (vgl. Candeias Mario 2007: S. 19)

Staat, Institutionen und Zivilgesellschaft

Gramscis Konzeption von Staat beinhält im Überbau zwei Ebenen. Die der Zivilgesellschaft, welche vorwiegend private Organisationen sind, und des Staates. In ersterer bündelt sich die politische Hegemonie, welche sich aus der ökonomischen Hegemonie ableitet. In Zweiterer wird jedoch die Hegemonie umgesetzt bzw. ausgeübt. Die beiden Ebenen stehen in Wechselbeziehung aus Bildung und Anwendung gesellschaftlicher Normen. Aufgabe des Staates ist es in diesem Konzept also die gebildeten Normen festzuschreiben und deren Einhaltung sicher zu stellen. (vgl. Gramsci 1971: S. 12, 160f zit.n. Becker 2002: S. 128f) Die staatliche Ordnung ist somit ein institutionalisierter Kompromiss des hegemonialen Konsens. (vgl. Becker 2002: S. 89)

Die Regulationstheorie befasst sich weniger mit dem Staat an sich sondern beschreibt diesen über die allgemeine Theorie der Institution. Letztere lassen sich verschieden definieren. Hübner 1989: S. 42 beschreibt Institutionen funktional als „soziale Agenturen zur Reduktion von Ungewißheit [sic]“ (Hübner 1989: S. 42). Eine der wichtigsten Definitionen von Institutionen lieferte Boyer. Institutionen sind „kodifizierte gesellschaftliche Beziehungen“ (Boyer 1986: S. 49 zit.n. Hübner 1989: S. 173), welche einer bestimmten Regelmäßigkeit unterliegen. Der Wandel von gesellschaftlichen Verhältnissen ließe sich über strukturelle und institutionelle Mechanismen erklären. Boyer verwendet strukturell und institutionell synonym. Nach diesen Eigenschaften definieren sich vier große soziale Beziehungen: Lohnverhältnisse, Geldverhältnisse, Konkurrenzverhältnisse und die Beziehung zu internationalen Märkten. (vgl. Boyer 1986: S. 49 zit.n. Hübner 1989: S. 173f) Institutionen nach Boyer haben spezifische Funktionen, welche direkt oder symbolisch Zwänge auf verschiedene gesellschaftliche Gruppen ausüben. Gesellschaftliche Regelwerke (formell oder informell) sind jedoch auf kollektiver Ebene beschlossen und entsprechen einem Kompromiss, welcher die Anerkennung von Konventionen voraussetzt. (siehe auch Geldverhältnisse). Neben diesen Institutionsformen steuern auch Wertesysteme soziales Verhalten, dies inkludiert Bereiche wie die Reproduktion oder z.B. ökonomische Erwartungen. (vgl. Boyer 1986: S. 59 zit.n. Hübner 1989: S. 175) Calhoun 2016: S. 172 argumentiert, dass selbst Unternehmen in globalisierten Wirtschaftsverhältnissen als soziale Institutionen gelten könne, und daher denselben Stellenwert wie Staaten erhalten. (Stichwort Corporate Capitalism) Deren Beständigkeit bzw. Langfristigkeit lässt sich jedoch im Finanzkapitalismus, in welchem Unternehmen zur Börsenware werden, hinterfragen.
Die gesellschaftstheoretische Interpretation sieht die Aufgabe des Staates darin die Interessen der Allgemeinheit vor den speziellen Interessen der Industrie zu schützen. In der Interpretation von Mills und Miliband verlagert sich der Konflikt auf Ebene der Eliten auf beiden Seiten, wobei sich hier langfristige Reproduktions- und Entwicklungsinteressen und kurzfristige Renditinteressen gegenüber stehen. Regulation kann auch als staatlicher Mechanismus gegen das Marktversagen (Müller). (vgl. Bator 1958, o.S. zit.n. Hübner 1989: S. 58) benennt vier Fehlfunktionen: natürliche Monopole, externe Effekte, welche Fehlallokation bewirken, systematisch unvollständige Information und Informationslücken und meritorische Güter, die daraus entstehen. Unter der Betrachtung des Staates nach diesem Verständnis sind seine Aufgaben die Verteilung der Arbeit zur Sicherung der Reproduktion, die Sicherung der Produktivkräfte und der Ausgleich zwischen spontanen Produktionsverhältnissen zu den notwendigen bzw. erwünschten Verhältnissen zu verstehen. (vgl. Hübner 1989: S. 57ff)
Die Rolle des Staats in der Regulationstheorie ist Ideologisch geprägt. Im Zeitverlauf entwickelten sich die Regulationsweisen landestypisch und stellen ideologische Reaktionen auf gesellschaftliche Probleme dar. (vgl. Aglietta 2000: S. 36) Historisch betrachtet entwickelte sich der Staat wie die Regulationstheorie ihn versteht aus der europäischen feudalen Gesellschaft mit drei wesentlichen Funktionen: Gesetzgebung, Gewaltanwendung und Steuern. Die Spannungsfelder der Interessen, die sich daraus ergeben können nicht beliebig vom Staat gelöst werden, es bestehen strukturelle Restriktionen, wie z.B. die Abhängigkeit von konstanten Steuereinnahmen, deren Grundlage eine funktionierende Akkumulation ist. Durch Steuern finden die Interessen der Kapitalakkumulation Eingang in die staatlichen Selbsterhaltungsinteressen. (Becker 2002: S. 131) Auf die erwarteter Abhängigkeit durch z.B. internationale Staatsverschuldung wird im Zuge der Finanzialisierung eingegangen.

Aglietta formuliert 4 Handlungsgrundsätze für Staaten: (Aglietta 2000: S. 37)

  • Errichtung kollektiver Grundlagen für die Produktion
  • Antrieb des technischen Fortschritts
  • Beherrschung der kollektiven Risiken im Finanzsektor
  • Beförderung der Gerechtigkeit in der Einkommensverteilung

Die Zivilgesellschaft sind die BürgerInnen und Organisationen, welche kulturelle Hegemonie herstellen. Dies geschieht im Diskurs der Intellektuellen, welche die nötig Ressourcen für den Meinungsbildungsprozess aufbringen können. Dazu gehören z.B. MedienvertreterInnen, die Kriche, Verbände aber auch Bildungseinrichtungen. Durch diese materielle Vorbedingung werden bestimmte Interessensgruppen bereits in der Zivilgesellschaft aus-geblendet. (Becker 2002: S. 133f)
In der Regulationstheorie ist die Rolle des Individuums noch wenig thematisiert. Ist er/die soziale AkteurIn nur TrägerIn von Prozessen und reproduziert damit Strukturen wieder oder erhebt er/sie Gestaltungsansprüche und formt dadurch die Strukturen? Die Theorie bezeichnet diese unterschiedlichen Sichtweisen als die Selbstorganisation und die Reorganisation. Die Schwierigkeit der Definition bzw. Analyse dieser Sichtweise liegt an der Undurchsichtigkeit der Motive und Interessen und der Abweichung von Intention und Resultat der geformten Strukturen. Görg hält fest, dass selbst wenn dies bekannt wäre, frag-lich ist, wie sich die Widersprüche zwischen System und beteiligten AkteurInnen bilden, wenn sich deren strukturelle Realität selbst organisiert. (vgl. Esser et al. 1994: S. 25f)
Eine andere Sicht auf den Staat und Gesellschaft beschreibt Christoph Görg in (Esser et al. 1994): S. 19f. Er beschreibt das Selbstorganisationskonzept als Schnitttheorie zur Regulationstheorie, welche den Determinismus in der Regulationstheorie hinterfragt. In diesem gibt es keine strukturellen Anfangsbedingungen, aus denen Verhältnisse abgeleitet werden, sondern die Verhältnisse konstituieren sich aus sich selbst. Die Gesellschaft entwickelt ihre eigenen Verhältnisse und Institutionen und deren Abhängigkeits- und Wirkungsmechanismen. Kennzeichnend sind in beiden Theorien vier Merkmale:

  • dezentral organisierte autonome Teilsysteme
  • Prozessdenken ohne Gleichgewichtsstreben
  • Interne Regung und Eigenbestimmung der Sollwerte
  • Selbstregulierung

Zusammenspiel von Akkumulationsregime und Regulationsweise

Die Regulationstheorie zeichnet sich dadurch aus, dass neben ökonomischen Entwicklungen auch gesellschaftlichen Transformationen und der Entstehung von Normen und Institutionen große Bedeutung beigemessen wird. (vgl. Aulenbacher/Riegraf 2013: S. 96) Hier steht das Zusammenspiel von Akkumulationsregime und Regulationsweise im Vordergrund. Damit Akkumulationsregime etabliert und stabilisiert werden, sind bestimmte Regulationsweisen nötig, die sich in der Sphäre der Zivilgesellschaft abspielen. (vgl. Aulenbacher/Riegraf 2013: S. 92) Wie diese gesellschaftliche Etablierung und Stabilisierung des Akkumulationsregimes erfolgt, wird durch Gramsci‘s Konzepte von Hegemonie und Zivilgesellschaft veranschaulicht. Die Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise sorgen für Konflikte und soziale Auseinandersetzungen in der zivilgesellschaftlichen Sphäre. Durch Mechanismen der Regulationsweise, sogenannte Regulationsformen, gelingt es diese Widersprüche unterschiedlicher kapitalistischer Akkumulationsregime in andere Sphären zu verlagern und somit vorübergehend sozialen Konsens zu schaffen. Es kommt jedoch niemals zur völligen Auflösung der Widersprüche. (vgl. Sablowski 2013: S. 89) Im Zuge der Regulationsweise entstehen Institutionen, Netzwerke und Normen durch die die Verhaltensweisen des jeweiligen Akkumulationsregimes gesichert werden. Auf diese Weise wird sozialer Konsens geschaffen und die Individuen werden gemäß den hegemonialen Normen erzogen. (vgl. Candeias 2007: S. 22f.) Im sozialen Konsens sind Akkumulationsregime und Regulationsweise aufeinander abgestimmt und somit legitimiert. (vgl. Sablowski 2013: S. 94)

Die Regulationsweise lässt sich in Regulationsformen unterteilen. Diese Regulationsformen beziehen sich auf konkrete Konfliktbereiche in der Gesellschaft. Durch die Regulationsformen sollen die Widersprüche in den jeweiligen sozialen Konfliktbereichen beseitigt werden. RegulationstheoretikerInnen unterscheiden vier, manchmal fünf Regulationsformen welche spezifische kapitalistische Widersprüche in sozialen Konfliktbereichen aufheben sollen. (vgl. Atzmüller et. al. 2013; S. 41ff.)

Lohnverhältnis

Der Bereich der Lohnbildung stellt eine erste zentrale Konfliktlinie dar. Im Zentrum steht hier der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital welcher im Klassenkampf zum Ausdruck kommt. Mit ArbeiterInnenparteien und Gewerkschaften entwickelten sich jedoch Institutionen, welche die Interessen der LohnarbeiterInnen vertreten und es somit schafften diese Konflikte zwischen KapitalistInnen und ArbeiterInnen zu entschärfen. Das Akkumulationsregime wurde durch diese Regulationsform somit legitimiert. (vgl. Atzmüller et. al. 2013: S. 41f.)

Konkurrenzverhältnis

Ein weiterer Bereich indem Widersprüche auftreten sind die Konkurrenzverhältnisse. Dies meint, dass Einzelkapitale in Konflikt zueinander stehen können. Ein Beispiel dafür sind Wechselkurse. Während Importe von einem überbewerteten Wechselkurs profitieren, leidet die lokale Produktion darunter. In Anlehnung an Marx wird das Konkurrenzverhältnis auf soziale Klassen ausgeweitet. Bei Marx stehen LohnarbeiterInnen am Arbeitsmarkt in Konkurrenz zueinander. Außerdem können Personen auf Grund ethnischer religiöser oder geschlechtsspezifischer Merkmale in Konkurrenz zueinander treten. Nicht selten schließen sich Individuen aus der gleichen sozialen Klasse oder mit ähnlichen Merkmalen zu Parteien zusammen um politisch Einfluss zu nehmen. Auch hier kommt es durch Zusammenschluss zur Reduktion des Konfliktpotentials. (vgl. Atzmüller et. al. 2013: S. 42)

Monetäre Restriktion

Geld nimmt in kapitalistischen Systemen einen zentralen Stellenwert ein, da es letztlich den Input und den Output der ökonomischen Tätigkeit darstellt. Folglich unterliegt der Akkumulationsprozess stets monetärer Restriktionen. Eine entsprechende Geldpolitik stellt diesbezüglich ein bedeutendes Instrument zur Regulierung dar. Preis- und Lohnentwicklungen, die letztlich zu Inflation oder Deflation führen, haben fundamentale Auswirkungen auf die Kapitalakkumulation. Die Politik kann inflationsbekämpfende Maßnahmen setzen, um diesen Widersprüchen entgegenzuwirken. Ebenso beeinflussten monetäre Wechselkurse, die das Maß des Innen- und Außenhandels eines Staates abbilden, die Kapitalakkumulation. Ebenso kann die Kapitalakkumulation angetrieben werden, indem das Zinsniveau in Hinblick auf Kredite attraktiv gestaltet wird. (vgl. Becker 2013: S. 42)

Ökologische Restriktion

Die ökologische Restriktion trägt dem Einfluss des Akkumulationsprozesses auf die Umwelt Rechnung. Die kapitalistische Produktionsweise tritt in Widerspruch zu begrenzten natürlichen Ressourcen. Durch die kapitalistische Produktionsweise kommt es zu Umweltbelastung und zur Zerstörung von natürlichen Lebensräumen. Zusätzlich kommt es auf Grund knapper Ressourcen zu Verteilungskonflikten da die Lebensweise in entwickelten Staaten auf fossilen Brennstoffen wie Erdöl, Erdgas und Kohle basiert. Diese Kommodifizierung der Natur stellt einen weitere politische Konfliktlinie dar. Die Entstehung von grünen und ökologischen Parteien kann als Regulationsform angesehen werden, die versucht den ökologischen Problemen entgegenzuwirken. (vgl. Becker 2013: S. 43)

Die ökologischen Restriktionen stellen ein großes Problem im aktuellen post-fordistischen Kapitalismus dar. Vor allem die auf fossilen Rohstoffen basierenden Produktions- und Konsummuster der westlichen Nationen tragen zur ökologischen Krise bei. In Anlehnung daran ist die Ausbeutung der Ressourcen von weniger entwickelten Ländern durch Industrienationen zu interpretieren. Eine Strömung in der Regulationstheorie prognostiziert diesbezüglich den Aufstieg eines neuen Akkumulationsregimes – des grünen Kapitalismus. Hier soll ökonomisches Wachstum mit ökologischen und sozialen Zielen vereinbart werden. (vgl. Brand/Wissen 2013: S. 133ff.)

Räumliche Formen der Restriktion

Oftmals werden auch räumliche Formen der Regulation als fünfte Kategorie hinzugefügt. Hier wird versucht die Akkumulationsbedingungen unter Berücksichtigung lokaler, regionaler, nationaler, internationaler beziehungsweise globaler Verhältnisse darzulegen. Durch Globalisierung gelingt es der kapitalistischen Produktionsweise sich auszuweiten, was die Ausbeutung von Entwicklungsstaaten zur Folge hat. Es werden die Widersprüche des Akkumulationsregimes in andere Gebiete der Erde verlagert. Es kommt zwar zu einem Hinauszögern und einer Verschiebung der Widersprüche, jedoch werden diese nicht überwunden. Schließlich sind die Ressourcen der Erde begrenzt, beziehungsweise wird der Kapitalismus irgendwann eine globale Ebene erreichen, auf welcherer sich nicht mehr weiter ausdehnen kann. (vgl. Becker 2013: S. 43f.)

Historische Entwicklung des Kapitalismus

Bei der Auseinandersetzung mit der Entwicklung des Kapitalismus, die für die Regulationstheorie große Bedeutung hat, sind die Begriffe von „Taylorismus“, „Fordismus“, „Toyotismus“ und „Post-Fordismus“ zentral. Der Regulationstheorie zufolge hat die kapitalistische Produktionsweise seit dem 19. Jahrhundert unterschiedliche Akkumulationsregime mit zugehörigen Regulationsmodi durchlaufen. (vgl. Znoj o.J.: o.S.)

Historische Entwicklung des Kapitalismus:

Zeitspanne  Akkumulationsregime Regulationsmodus Ära Leittechnologie
bis ca.
1850
Handwerkliche Einzelfertigung „Nachtwächerstaat“ Ständische Gesellschaft ? Maschinisierung
bis ca.
1925
Kleinindustrielle Serienfertigung  Liberalismus Klassengesellschaft  Manchester- Kapitalismus Elektrifizierung und Chemie
bis ca.
1975
Großindustrielle Massenfertigung Taylorismus Wohlfahrtsstaat Mittelstands-Gesellschaft Massenkonsum,Vollbeschäftigung  Fordismus Erdöl und Auto
seit ca. 1975 Flexible Spezialisierung Netzwerkunternehmen Outsourcing Unternehmer-Staat, Neoliberalismus Pluralisierung der Lebensstile Präkarisierung, strukturelle Arbeitslosigkeit Post-fordismus  Mikroelektronik und Informations-technologie

Blotevogel 1998 in: Znoj (o.J.)

In dieser historischen Entwicklung ist für die AnhängerInnen der Regulationstheorie vor allem der Übergang von der Ära es Fordismus zum Post-Fordismus überaus bedeutend, was sich auch in deren Analysen widerspiegelt (vgl. Boyer 2000). Aus folgenden Grund wird in der Auseinandersetzung mit der historischen Entwicklung dieser Periode die größte Aufmerksamkeit geschenkt. 

Taylorismus

Einen zentralen Stellenwert in der Ära des Fordismus nimmt Frederick Winslow Taylor (1856 - 1915) ein. Taylor wollte durch eine neuartige Betriebsführung, die eine optimale Ausnutzung der Arbeitskraft beinhaltete, die Produktivität steigern. Arbeit wurde in kleine, standardisierte Schritte zerlegt und so deutlich beschleunigt. Durch diese bestmögliche Ausnutzung von Arbeitskraft und Maschine wollte man die Kosten auf ein Minimum reduzieren. Die einhergehende Rationalisierung verhalf der US-amerikanischen Wirtschaft zu enormen Wachstum, weswegen eine weltweite Umsetzung dieses Modells erfolgte. Dieser hierarchisch strukturierte Arbeitsablauf wurde durch Erfolgen in der Industrie, schlussendlich auf Verwaltungen übertragen (vgl. Znoj (o.J.).

Fordismus

Die konsequenteste Umsetzung der betriebswirtschaftlichen Lehren von Taylor nahm zu Beginn des 20. Jahrhunderts Henry Ford vor. Aus folgenden Grund bezeichnet Antonio Gramsci und nach ihm die AnhängerInnen der Regulationstheorie die Periode, welche durch den Rationalitätsgewinn durch den Taylorismus maßgeblich geprägt wurde, Fordismus. Zur Fertigung des Ford T im Jahre 1909 bediente sich Henry Ford der Fließbandproduktion mit einer enorm hohen Arbeitsteilung. Dies brachte ihm einen enormen Produktivitätsgewinn, weshalb Ford zeitweise einen Anteil von 50% am amerikanischen Automobilmarkt erlangte. Die Fließbandarbeit war natürlich keine Arbeit die hohe Beliebtheit hatte, so musste Ford die Motivation der MitarbeiterInnen mit höheren Löhnen steigern. Er zahlte folgend einen doppelt so hohen Lohn wie seine KonkurrentInnen und konnte so die Qualität der Automobile sicherstellen. Ford musste also seinen ArbeiterInnen am Fließband einen sehr hohen Teil seines Produktivitätsgewinnes abgeben, wodurch sich seine ArbeiterInnen sein Auto leisten konnte. Dies führte zu der bekannten Massenproduktion von Autos in den USA und als Folge zu einem hohem Wirtschaftswachstum. (vgl. Znoj (o.J.)

In der Zeit des Fordismus verbanden sich die Errungenschaften des Taylorismus mit den ökonomischen Aufstieg der ArbeiterInnen. Im Zuge dieses Aufstiegs der ArbeiterInnenschaft wurden weltweit sozialstaatliche Strukturen geschaffen, dabei ist auch der New Deal in den USA von großer Bedeutung. Weiter wurden die Rechte der Arbeiterschaft ausgebaut. Charakteristisch für den Fordismus waren neben der Massenproduktion und der damit verbundenen Fließbandarbeit, höhere Löhne für die ArbeiterInnen und die sozialstaatlichen Strukturen sowie eine gewisse Annäherung an das „bürgerliche“ Leben. Weiter ist für den Fordismus die protektionistische Außenwirtschaftspolitik und die Konzentration auf die nationale Volkswirtschaft von großer Bedeutung. (vgl. Znoj (o.J.:o.S.)

Einhergehend mit dem Aufstieg der ArbeiterInnenschaft wuchs die Einflussnahme auf die Gestaltung der Produktionsbedingungen und die Kritik an der entfremdenden Fließbandarbeit wurde immer lauter. Der Fordismus geriet in den 1960er Jahren langsam in eine Krise und die Industrieländer begannen billige Arbeitskräfte aus dem Ausland zu holen um die Profitabilität zu steigern. Dann kam es in den 1970er Jahren zu der großen Ölkrise und  das fordistische Akkumulationsregime mit seinen Regulationsmodi, zunächst in den alten Industrieländern, durch das neue Akkumulationregime der flexiblen Spezialisierung abgelöst wurde. Dies brachte eine Deindustrialisierung sowie ein enormes „Outsourcen“ der produktionsintensiven Arbeitsschritte in Billiglohnländer – was zu einer Globalisierung der Produktionsketten führte. (vgl. Znoj (o.J.:o.S.) 

Post-Fordismus

Die durch die Ölkrise hervorgerufene Rezession zeigt erstmals Schwächen der auf Massenproduktion ausgerichteten Wirtschaft in den USA und in Europa aufzeigen. In Japan jedoch blieb diese Krise aus und Marken wie Sony und Toyota verhalfen Japan zu dieser Zeit an die Spitzen des Weltmarktes im Bereich der Unterhaltungselektronik sowie der Automobilindustrie. Dies wurde natürlich von westlichen Nationen beobachtet und sie gaben den „Taylorismus“ auf. Man sprach von nun an von der Notwendigkeit der flexiblen Spezialisierung. Dieses Konzept wurde vom Autohersteller Toyota geprägt, weshalb die RegolationstheoretikerInnen dieser Ära auch als „Toyotismus“ bezeichnen. Im Westen wurde dieses System ebenfalls installiert, doch ohne den Arbeitenden die Arbeitssicherheit zu bieten, die für den „Toyotismus“ in Japan typisch war. Man schraubte die sozialen Leistungen für die ArbeiterInnen vielfach zurück. Die Situation der ArbeiterInnen könnte so zusammengefasst werden: „Der weitaus überwiegende Teil der ehemals in den fordistischen Großunternehmen Beschäftigten sieht sich einer Tendenz der Prekarisierung, d.h. der Umwandlung der ehemals relativ gesicherten Arbeitsverhältnisse in weitgehend ungesicherte und ungeschützte, ausgesetzt. Dazu zählen solche Arten von Beschäftigung wie Leiharbeit, befristete Arbeitsverträge, schlecht oder gar nicht sozial abgesicherte Teilzeitarbeit, Scheinselbständigkeit, Arbeit auf Abruf etc.“. (Unruh 1999:o.S.)

Wie schön erwähnt, ist die Beschäftigung mit Fordismus und Post-Fordismus ein essentieller Bestandteil der Regulationstheorie, deshalb spricht man auch vom Konzept des Post-Fordismus. Die AnhängerInnen der Regulationsschule gehen von einem engen Nexus zwischen dem historisch herrschenden Regelsystem der Ökonomie einer Nation – das Akkumulationsregime – und dem historisch herrschenden Regelsystem der Gesellschaft der betreffenden Nation – der Regulationsmodus – aus. Die Entwicklung von Ländern wird geprägt durch Phasen der Stabilität, wo also das Akkumulationsregime mit dem Regulationsmodus harmoniert, also miteinander fest verknüpft ist und natürlich Phasen des Umbruchs. (vgl. Blotevogel 2002: S. 4) Sehr gut ersichtlich ist dieser Zusammenhang von Akkumulationsregime und Regulationsmodus zur Zeit des Fordismus: „Akkumulationsregime (Massenfertigung zur Ausnutzung von Skalenerträgen, Großbetriebe, hoher gewerkschaftlicher Organisationsgrad, relativ gesicherte Arbeitsverhältnisse) […] Regulationsmodus (ausgebaute soziale Sicherungssysteme, standardisierte Massenkonsumstile, starre Zeitordnungen usw.).“ (Blotevogel 2002: S.4)

Wie schon angeführt haben sich die RegulationstheoretikerInnen am genausten mit dem Übergang vom Fordismus zum Post-Fordismus auseinandergesetzt. Sie zeigen auf, dass sich das System des Fordismus seit den 1975er Jahren in der Krise steckt, doch können das Profil eines post-fordistischen Systems noch nicht ganz ausgemacht werden. (vgl. Blotevogel 2002: S. 4)
 

Vergleich Fordismus - Post-Fordismus:

Rigides Akkumulationsregime und „fordistischer“ Modus der sozialen Regulation Flexibles Akkumulationsregime und „postfordistischer“ Modus der sozialen Regulation 
Produktionsprozess
  • Massenproduktion homogener, standardisierter Produkte
  • Umfangreiche Lagerhaltung
  • Qualitätssicherung ex-post
  • Vertikale Integration
  • Unternehmen als autonome Akteure im Wettbewerb
  • Flexible Produktion heterogener Produkte in kleinen Losgrößen
  • Geringe Lagerhaltung
  • Qualitätssicherung integriert
  • Vertikale Desintegration
  • Neue Formen der zwischenbetrieblichen Kooperation und Abhängigkeit
Arbeit
  • Zerlegung der Arbeitsvorgänge
  • Bezahlung nach Stellenmerkmalen
  • Bürokratische Hierarchien
  • Hohe Berufsspezialisierung
  • Trennung zwischen Ausbildung und Beruf
  • Geringe Verantwortung des Einzelnen
  • Duale Arbeitsmärkte 
  • Regelarbeitszeit (Tag, Woche, Jahr, Leben) 
  • Bezahlung nach Leistung (Bonus)
  • FlacheHierarchien
  • Hohe Einsatzflexibilität
  • Kontinuierliches On-the-job-Training
  • Gruppenarbeit 
  • Multi-segmentierte Arbeitsmärkte
  • Flexible Arbeitszeiten und hoher Anteil von Teilzeitjobs 
Staat
  • Kollektives Handeln (und Verhandeln) 
  • Wohlfahrtsstaat (Sozialisierung der Wohlfahrt) 
  • Zentralisierung (Nationalstaat)
  • Staat und Stadt als Versorger
  • Raumordnung und Landesplanung
  • Indirekte Steuerung der Wirtschaft (Globalsteuerung)
  • Nationale Regionalpolitik 
  • individualisiertes Handeln (lokales und firmenbezogenes Verhandeln) 
  • „Unternehmer“-, „Nachtwächter“- und „Sup- penküchen“-Staat 
  • Dezentralisierung (Gemeinden, Regionen)
  • Staat und Stadt als Unternehmer
  • Flexible Entwicklungspolitik
  • Direkte Staatsinterventionen (Projektförderung und Projektmanagement)
  • Regionalisierte Strukturpolitik
Ideologie/Kultur/Verhaltensnormen
  • Massenkonsum von standardisierten Konsumgütern: „Mittelschicht- Kultur“ 
  • Homogener Lebensstil
    („Normalität“ als kulturelle Norm) 
  • Starre Zeitregimes
    (Arbeiten, Schlafen, Einkaufen etc.) 
  • Normhaushalt Kleinfamilie 
  • „Moderne“ Ideologie: Sozialisierung, Gleichheit 
  • Heterogene Konsummuster, insb. von Dienst- leistungen: u.a. „Yuppie-Kultur“ 
  • Heterogenität der Lebensstile
    (Vielfalt der Kulturen) 
  • Flexible Zeitstrukturen 
  • „Neue Haushaltstypen“
    (Singles, Partner- schaften auf Zeit usw.) 
  • „Postmoderne“ Ideologie: Individualisierung, Freiheit 

(Blotevogel 2002: S.5-7)

Für beide Akkumulationsregime lassen sich auch zwei verschieden Arten von Kapitalismus ausmachen. Im Zeitalter des Fordismus wird von einem Realkapitalismus gesprochen der im Post-Fordismus durch zuvor genannte Gründe sein Ende fand und dem Finanzkapitalismus Platz machte. Folgende Gegenüberstellung legt die unterschiede dar:

Für beide Akkumulationsregime lassen sich auch zwei verschieden Arten von Kapitalismus ausmachen. Im Zeitalter des Fordismus wird von einem Realkapitalismus gesprochen der im Post-Fordismus durch zuvor genannte Gründe sein Ende fand und dem Finanzkapitalismus Platz machte. Folgende Gegenüberstellung legt die unterschiede dar:

(Schulmeister 2013: S. 155)

Inzwischen spricht die Literatur eher von einer Finanzialisierten Akkumulation als vom Finanzkapitalismus, wobei die Terminologie, Merkmale und Mechanismen des derzeit vorherrschenden Akkumulationsregimes noch nicht eindeutig erhoben sind. Der folgende Abschnitt soll die verschiedenen Sichtweisen und Interpretationen umreißen.

Finanzialisierte Akkumulation

Ausgangssituation

Fordistische Regulationsmechanismen verlieren ihre Wirksamkeit, um die Akkumulation zu steuern. (vgl. Aglietta 2000: S. 11) Gesellschaftliche Veränderungen durch z.B. die Informationsgesellschaft haben großen Einfluss auf Machtverhältnisse und Informationsaustausch zwischen WirtschaftsakteurenInnen, deren finanzielle Verbindungen und Abhängigkeiten. Weiter führt die Individualisierung der Gesellschaft zu einer Abstraktion des Zusammenhaltes in der Gesellschaft. Es gibt kein kollektives Ziel (z.B. Profit, Wohlstand, etc.) das verbindet, stattdessen werden Einzelinteressen abgewogen und deren Ergebnisse als akzeptabel beurteilt. Dadurch ist das Konfliktpotenzial der Interessen größer und der Abwägungsprozess intensiver. (vgl. Aglietta 2000: S. 13) Eine gänzlich individualisierte Gesellschaft kann nach Aglietta 2000: S. 39 nicht bestehen. Es braucht einen gemeinsamen moralischen Unterbau. Dazu gehört zumindest die universelle Sicherung der Grundbedürfnisse, was implizit eine Form sozialer Gerechtigkeit enthält, welche für die Regulationsweise bestimmend ist. Prägend für die politische Entwicklung ist heute die finanzielle Globalisierung, welche durch eine alternde Gesellschaft und den globalen Rückgang der Geburten-rate gekennzeichnet ist. Aglietta 2000: S. 42 meint, dass es zu einem Austausch zwischen den Ersparnissen der alten Welt und zukünftigen einkommenserzielenden Ländern geben wird.

Die gesellschaftliche Entwicklung ist seit den 1970er durch drei wesentliche gesellschaftliche Veränderungen geprägt: Sinkende Wachstumsraten, Anstieg der Ungleichheit in Vermögen und Einkommen und steigende Verschuldung (Privat und Öffentlich). Daraus leiten sich Diskussionen über Vermögensverteilung, keynes‘sche Investitionspolitik und Marktversagen im Finanzsektor ab. Dies ist ein Phänomen beobachtbar in den entwickelten kapitalistischen Gesellschaften. Die Lösung der angebahnten Krisen war bisher Inflation. (vgl. Streeck 2016: S. 164) In Bezug auf den Finanzsektor wurde ein Mechanismus der Übertragung von privaten unternehmerischen Risiken auf die Öffentlichkeit (Bankenrettung) bei Finanzkrisen etabliert. (vgl. Calhoun 2016: S. 174)

Streeck sieht eine neue Entwicklung auftreten, die Globalisierung, wo sich Marktbeziehungen außerhalb der staatlichen Kontrolle ausbreiten und vernetzen, und damit nicht mehr zu bändigen sind. (Global Ungovernability) (vgl. Streeck 2016: S. 164) Weiters haben sich die primären Arbeitssektoren verlagert hin zum Dienstleistungs- und Finanzbereich. Vor 1970 betrug der Großteil des Kapitals Grund und Boden, heute überwiegt das Finanzkapital, zu welchem über die Börse Unternehmen selbst zählen. Die Bedeutung von Finanzinstitutionen nimmt daher immer mehr zu und schwächt die Stabilität der Arbeits- und Kapitalmärkte. (vgl. Calhoun 2016: S. 171ff) Auch haben sich die Kapitalträger selbst verändert. Waren es früher lediglich Eliten bzw. Oberschicht, welche am Finanzmarkt teilnahmen, hat nun auch die Arbeiterklasse Zugang zu Finanzprodukten. Freiwillig oder unfreiwillig sind sie TeilnehmerInnen über die privatisierte Pensionsfonds oder privat Verschuldung zur Lebensstandarderhaltung während schlechter Wirtschaftszeiten. (vgl. Becker 2010: S. 6f)

Das Geldregime war im Fordismus reglementiert und korrelierte mit den Entwicklungen der Realwirtschaft. So wurde z.B. die Geldmenge an Konjunkturzyklen angepasst, Banken wurden beschränkt auf bestimmte Geschäftsfelder, strenge Richtlinien für Kreditgeschäfte und die Verwendung von Kundeneinlagen. Staatlich niedrig gehaltenen Zinsen unterstützen Wachstumsphasen. Mit dem Ende des Fordismus wurde auch international Lockerungen der Reglementierung vorgenommen. Es wurden variable Entwicklungen der Wechselkurse möglich (Bretton Woods Abkommen) und Kapitalverkehrskontrolllen aufgehoben, was die internationale Verschuldung ermöglichte. (vgl. Henry und Redak 2013: S. 244f) Ebenso steht dem Kapitalismus heute ein Mangel an widersprüchlichen Kräften entgegen. So wird die staatliche Kontrolle durch die Globalisierung ausgehöhlt und religiöse, regionale oder kulturelle Bewegungen, welche die negativen sozialen Auswirkungen bisher abfederten verlieren an Wirkungskraft. (vgl. Streeck 2016:166 und Calhoun 2016:175) 

Akkumulationsregime Finanzialisierung

Das Finanzsystem ist so organisiert, dass es seine Gewinnspanne, sprich den Zins, selbst regulieren kann. Konkurrenz zwischen den Finanzinstitutionen war im Fordismus nur mittels der Kreditvolumina möglich. Diese sind nachfragegetrieben und führen zu hoher Inflation, was wiederum die staatliche Geldpolitik verhindern möchte. Regulatorische Maßnahmen dazu sind z.B. die Reservenbildung der Banken und Kreditvergabebeschränkungen. (vgl. Aglietta 2000: S. 34f) Der Regulationsmodus ist die Finanzwirtschaft. In ihr sammeln sich Ersparnisse der Gesellschaft und Risiken werden umverteilt. Gleichzeitig belegen sie inhärente Risiken wie unvollständige Informationen und die eigene Risikoeinstellung schwankt, was das Finanzsystem anfällig für Krisen macht. (siehe auch nachfolgend Selbstreferenzierung) (vgl. Aglietta 2000: S. 38) Calhoun 2016: S. 173f führt dies weiter und spricht von einer riskanten Abhängigkeit von Wachstum und dem Finanzsektor, besonders ohne staatliche Regulierung. Das Risiko ist nicht nur der Zusammenbruch von Finanzinstitutionen, sondern dass keine Möglichkeit der Bezahlung der externalisierten Kosten gefunden wird. Für eine Gesellschaft bedeutet dies, dass durch die Abhängigkeit der Individuen, wie sie zuvor bereits angesprochen wurde, diese eher dazu geneigt sind politische Entscheidungen zugunsten des Finanzsektors und zu ihrem eigenen Nachteil zu akzeptieren (vgl. Becker 2010: S. 7).

Die Deregulierung der Finanzmärkte leitet einen Regimewechsel ein, welche mit der Erweiterung der Realwirtschaftsbeziehungen, als Reaktion auf die Krise des Fordismus in den 1980er Jahren, begann. Als wesentliche Schwäche des Finanzmarktes sieht Aglietta 2000: S. 48ff die finanzielle Logik der Selbstreferenz an. Sie ermöglicht Informationen aus Informationen abzuleiten. Dies führt seiner Meinung nach zu Spekulation, Blasen und Überreaktionen. Die Internationalisierung des Finanzkapitals hatte wesentliche Auswirkungen auf die Struktur des Systems. Die Beziehung von nationalen Ersparnissen zu Investitionen löste sich auf, Finanzinstrumente diversifizierten sich und institutionelle Anlagen etablierten sich. Durch den bilateralen Handel entstehen finanzielle Abhängigkeiten zwischen den Nationen. Letztere bedürfen eines neuen Risikomanagements, Informationstransparenz und Finanzvermögensbewertung. Der Systemwechsel führt zu einer Änderung der Intentionen durch die institutionellen Anleger, welche nun kurzfristige Kapitalbindung verfolgen und somit Druck auf Lohnkosten ausüben. (vgl. Aglietta 2000: S. 48ff)

Becker 2010: S. 14f beschreibt diese Mechanik z.B. in seiner Fallstudie zu Serbien. Nach dem Fall des Eisernen Vorhanges setzte eine Privatisierungswelle ein, jedoch gab es wenig nationales Kapital, welche dies finanzierte. Internationale Abhängigkeiten insbesondere von Fremdwährungen etablierten sich am Finanzmarkt. Die private Verschuldung wuchs schneller als die tatsächliche Lohnentwicklung. Während der Finanzkrisen fühlten sich ausländische Investoren eher ihren Stammländern verpflichtet und zogen Kapital ab. Ein großer Zusammenbruch des serbischen Bankensystems konnte nur durch internationales Einschreiten der EU verhindert werden.

Auf sozialer Ebene löst sich die Beziehung von Unternehmung und ArbeitnehmerInnen. Auch sind Unternehmen zwar soziale Institutionen können jedoch nicht die langfristigen stabilisierenden Funktionen des Wohlfahrtsstaates übernehmen, aufgrund des genannten finanziellen Drucks und der Shareholder Orientierung. (vgl. Calhoun 2016: S. 175) Ohne staatliche Lösungen sieht Aglietta 2000: S. 59 eine Verschlechterung der sozialen Verhältnisse. Dargestellt an den Lohnverhältnissen bedeutet dies Abschaffung von Entlassungsbeschränkungen, Senkung des Mindestlohns, keine Inflationsanpassung bei den Löhnen und eine restriktive Arbeitslosenpolitik. Für ihn löst sich die Verbindung von Lohn und Produktivität.

Joachim Becker fasst zwei wesentliche Kapitalisierungsmechanismen zusammen: (1) Akkumulation über vorgelagerte Kapitalkreisläufe. Hierbei ist die Vermehrung von Kapital über das bereits im Finanzkreislauf absorbiertes Kapital, fiktives Kapital, gemeint. Der zweite Kapitalkreis baut auf die Akkumulation von in der produktiven Sphäre erwirtschaftete Profite auf und ist somit von deren Preisentwicklung abhängig. Trotz der Verflechtung der Kreisläufe können sich die Preise unterschiedlich entwickeln. Becker bezieht sich hier auf Aglietta, welcher diese Entwicklung als Problematik der Selbstreferenzierung der Finanzmärkte beschreibt. Kennzeichen starken Finanzialisierung ist eine hohe Inflation der Finanzanlagen. Die rasche Preissteigerung zieht InvestorInnen an, welche nach der Normalisierung der hohen Inflation im Finanzsektor, die dem Finanzkapital ursprüngliche Unsicherheit und Unbeständigkeit vergessen. Realprofite können mit der künstlich getriebenen Preissteigerung nicht adäquat mitwachsen, was letztendlich zu einem Einbruch der Preise führt. (vgl. Becker 2010: S. 4f) Dieser Mechanismus betrifft nicht nur den Kapitalmarkt auch die staatliche Sphäre, wie sie Aglietta weiter oben schon beschrieben hat. Die Schwierigkeit diesem Mechanismus Herr zu werden liegt an seiner Komplexität und Ab-hängigkeitsverhältnissen. Einerseits sind niedrige Zinsen gut für die eigenen Staatsveschuldung, andererseits drücken geringe Zinsen auf das Wirtschaftswachstum und somit die Produktivität und Steuereinnahmen. In den internationalen Zusammenhängen verschärft sich die Geldwertentwicklung durch die Währungsunterschiede. Produktivkreisläufe handeln in lokaler Währung wohingegen staatliche Kredite meist in internationaler Währung (z.B. Dollar, Euro, Yuan, schweizer Franken, etc.) begangen werden. (vgl. Becker 2010: S. 6) Aglietta 2000: S. 61 nennt die enge Verstrickung von Inflation und Abwertung der Währung auch einen Teufelskreis, welcher sich international ausweitet. Heute sehen wir dies in der Sensitivität mit der der internationale Handel auf Zinsanpassungen der amerikanischen Federal Reserve (FED) und der Europäischen Zentralbank (EZB) reagieren. Bei Vertrauensverlust in die eigene Währung und zugleich hoher Inflation liegt ein massive Störung der Hegemonie vor (vgl. Becker 2002: S. 141).

Gutmann bildet die erläuterten Zusammenhänge wie folgt graphisch ab: (vgl. Guttmann 1994:52):

Guttmann 1994 S. 52

Guttmann 1994: S. 52ff ergänzt die bisherigen AutorInnen um seine Ansichten zu Preis, Rendite und Zinsen. Preise am freien Markt sind nicht mehr so anpassungsfähig, wie es die Neoklassische Theorie vorschlägt. Wenn der Preis sich nicht rasch genug an einen sinkenden Bedarf (sprich Überproduktion) anpasst führen die Unternehmen die Anpassung über die Beschäftigung durch, was sich auf die Nachfrage in anderen Märkten auswirkt. Investition sind ein weiterer wesentlicher Faktor in der Wertschöpfungskette, jedoch sind nicht alle Investments rentabel oder wertvoll für die Gesellschaft. Finanzialisierung bindet z.B. bei Vorliegen zu hoher fiktiver Renditen finanzielle Mittel, welche in produktive Projekte investiert werden könnten. Wesentlichen Einfluss auf die Rentabilität von Investitionen hat daher das Niveau des Zinses für Finanzkapital. In der Neoklassischen Theorie sind dies die Opportunitätskosten, welche Managemententscheidungen steuern. Das Kreditsystem hat jedoch den positiven Nebeneffekt zusätzliches Finanzkapital (zu den eigenen Ersparnissen) zur Verfügung zu stellen und somit Produktionserweiterungen und in weiterer Folge rasches Wirtschaftswachstum zu ermöglichen.

Becker 2010: S. 12 analysiert in seiner Fallstudie die Finanzialisierung in verschiedenen Staaten und wie diese Finanzkrisen lösten. Die Agenda der staatlichen Regulierung fokussierte auf der Wohlstandserhöhung der Bevölkerung, Armutsbekämpfung und wirtschaftlichen Stabilität. Die staatlichen Eingriffe betrafen die Erhöhung des Mindestlohnes (Erhöhung der Nachfrage), halten von großen Fremdwährungsreserven und Reduktion der Staatsverschuldung. Die nationalstaatliche Orientierung reduzierte die Abhängigkeit von internationalen Finanzmärkten und reduzierte damit auch die Krisenanfälligkeit.

Im europäischen Finanzmarkt besteht derzeit die Angst vor einer Überbewertung der Kredite bzw. einer zu geringen Entwertung von Unternehmenskrediten. Die Werthaltigkeit der Kredite steht in Frage. In der letzten Krise wurden das Kreditrisiko zum Teil auf die Steuerzahler (Bankenprivatisierung, EU Bankenrettung) übertragen. Der Kreditausfall liegt einerseits an zu lockerer Kreditvergabe oder der Überschätzung der Profitabilität der Unternehmen. Um die Ausfälle gering zu halten werden diese Unternehmen zwangserhalten, was jedoch nur die geringe Wertschöpfung im realen Produktionskreislauf verdeckt. Der Finanzsektor verdeckt somit aus Selbsterhaltungstrieb die zugrundeliegende Produktivitätskrise, welche noch immer besteht. (vgl. Henry und Redak 2013: S. 254) Aglietta 2000: S. 56f identifiziert geringe Wachstumsraten und steigende Arbeitslosigkeit als Krisenindikatoren im europäischen Raum, was wiederum zu einer Verschärfung des Arbeitsmarktes führt. Finanzkrisen entstehen, wenn zwischen Finanziers und Kapitalisten Zweifel über den tatsächlichen Wert des akkumulierten Kapitals aufkommen (vgl. Aglietta 2000: S. 19).

Zusammenfassend lässt sich kein einheitlicher Akkumulationsmechanismus beschreiben. Viele Faktoren bestimmen den Grad und die Geschwindigkeit der Finanzialisierung eines Staates. Dazu gehören das Zinsniveau, die Struktur des Bankensystems und der Einfluss der Politik, das Verhältnis zu internationalen Investoren sowie die internationalen Beziehungen an sich. Eine massive Überbewertung der Währung und starke ausländische Investoren beeinflussen nach Becker 2010: S. 18 das voranschreiten der Finanzialisierung am meisten. Handelsdefizite und steigende Staatsverschuldung hingegen führen zum Auseinanderfallen der Machtverhältnisse und führen in weiterer Folge zu Krisen und De-Finanzialisierung.

Finanzialisierte Regulationsweise

Der Kapitalismus ist nicht fähig die unterworfene Arbeitskraft vor der Ausbeutung durch permanentes Wachstum zu schützen. Hierzu bedarf es externer Regulation durch kollektiv geprägte Institutionen. Es gibt auch Bewegungen, welche sich gegen die Akkumulation stellen. Es tritt ein sozialer Vermittlungsprozess ein, welcher im Wesentlichen den Regulationsmodus des vorherrschenden Akkumulationsregimes darstellt. (vgl. Aglietta 2000: S. 20f) Die Regulationsweise dient als Beschränkung der Akkumulationskraft und bildet politische Interessen ab. Sie macht durch das Etablieren von gesamtgesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten die Akkumulation von Kapital sozial verträglich. (vgl. Aglietta 2000: S. 25)

Guttmann 1994: S. 55 zit.n. Henry und Redak 2013: S. 241 beschäftigte sich mit dem „Geldregime“, dessen Institutionen er wie folgt definierte:

  • Notenbankpolitik und die Abhängigkeiten der Notenbank
  • Banken- und Kreditsysteme, wozu insbesondere das Kreditmanagemen und die Praktiken der Banken gehören
  • Banken- und Finanzmarktregulation
  • Internationale Geldregime, wie die Wechselkurspolitik und der Zahlungsverkehr

Zu Beginn der 1980 entschloss sich die amerikanische Federal Reserve (FED) die geldpolitische Orientierung zu ändern. Einerseits sollte die hohe Inflation bekämpft und die Niedrigzinspolitik beendet werden. Der neue Monetarismus rückt die GeldvermögensbesitzerInnen und der Handlungen und Intentionen in den Fokus. Der Einfluss auf den Kreditapparat und somit auf das Wachstum der Geldmenge ging zurück und Geldmarktinstrumente entstehen. (vgl. Henry und Redak 2013: S. 247f)

Eingriffe nach fordistischer Tradition beinhalten den Versuch die Finanzinstitutionen vom Bankenwesen zu trennen, die Steuerung der Zinssätze, Abstimmung mit Zentralbanken und Liquiditätssicherung der Geschäftsbanken. (vgl. Aglietta 2000: S. 38) Neben der direkten Regulation des Finanzmarktes sieht Aglietta (2000: S. 69f) die Regulation der Unternehmen, als Spielball der Pensionsfonds, als zentrale Regulationsmöglichkeit. Der Finanzmarkt steuert die Verteilung der Gewinne und Investitionen und somit auch die Einkommen der Belegschaft. Eingriffe in Produktivitätsbeteiligung und Arbeitszeitregelun-gen können die Ausbeutung der Unternehmensprofite eindämmen.

Geldverhältnisse

Geld ist in der klassischen Ökonomie als technisches Mittel für ökonomische Prozesse verstanden. Es hat darüber hinaus keine tragende Funktion. Anders in der Regulationstheorie, in der Geld gesellschaftlich zentrale Funktionen ausübt und von den bekannten AutorInnen der Fokus auf unterschiedliche Aspekte gelegt wird. Es wird jedoch immer der soziale Charakter des Geldes betont, jedoch herrscht Uneinigkeit, ob es eine institutionelle oder eine strukturelle Form der Beziehungen ist. (vgl. Henry und Redak 2013: S. 239f)

Geld ist im kapitalistischen Verständnis ist ein Ausdruck von Tauschverhältnissen und entsteht aus diesen. Aglietta sieht Geld Ausdruck von Schuldverhältnissen, welche als normative Institution die zwischenmenschlichen und arbeitsteiligen Beziehungen abbilden. Der gesellschaftliche Wert einer Arbeitskraft wird über deren Geldwert, sprich Lohn, abgebildet. Konsum löst eine vorher entstandener Beitrag zur Gesellschaft (z.B. die Produktion eines Gutes), welche als Schuld der Gesellschaft am Individuum interpretiert wird, ein. In der Finanzialisierung dieser Beziehung kann es zu einem Ungleichgewicht. Die offene Schuld kann über längere Zeiträume zu sozialen Konflikten führen. (vgl. Aglietta 2000: S. 14ff) 

Ebenso ist Geld ein Ausdruck von Macht. Unterschieden wird hier das Geld als Finanzierungsmittel und Geld als umgewandelte Arbeitskraft. Wenn Geld als Kapital akkumuliert wird kommt es zu keinem sozialen Austausch und somit zu keiner Schuldenbegleichung, daher führt die Kapitalakkumulation zu einer Erhöhung der Verschuldung und einer Machtanhäufung. In der Marx‘schen Tradition führt dieses Machtungleichgewicht bzw. die offenen Schulden zur Aufhebung des Kapitalismus. (vgl. Aglietta 2000: S. 16f) Die Verschuldung ist die maßgebliche Komponente von Beziehungen geworden, wodurch die Wirtschaft von ihr abhängt. (vgl. Aglietta 2000: S. 60) Finanzielle Abhängigkeiten (Dualität Individuum-Gesellschaft) zusammengefasst bedeutet: (vgl. Aglietta 2000: S. 18)

  • ArbeiterIn hängt vom/von der KapitalistenIn ab, der ihm Zugang zu Geld ermöglicht. Zugang jedoch nur unter Bedingungen der ProduktionseigentümerInnen.
  • KapitalistIn ist abhängig vom Konsum des/der ArbeiterIn um die produzierten Güter in Geld umzuwandeln.

Auch Guttmann sieht Geld als Abbild der Schuldner-Gläubiger-Beziehung, welche die Verteilung von Finanzkapital auf potentielle Investition sowie grundlegend die Beziehung von Arbeit und Kapital regelt. Es trägt somit zum Verhältnis der Kapitalarten (industriell, zinstragend und fiktiv) untereinander bei, wobei dies vor allem vom Prinzip der Konkurrenz getrieben ist. (vgl. Guttmann 1994: S. 55) Ebenso ist die Unterscheidung von physischem Geld und Kreditgeld entscheidend. Kreditgeld entsteht über die girale Geldschöpfung aus physischem Geld und erweitert hierüber die Produktionskapazitäten. Die Geldtheorie ist noch ausbaufähig, wesentlich ist jedoch, dass der Einbruch der Produktivkraft im Fordismus mit der Ausweitung der Kreditvergabe, also der Schaffung von fiktivem Finanzkapital, einherging. Bis dahin waren Kreditvolumen und Zinssätze staatlich gesteuert und entwickelten sich adäquat mit dem Wirtschaftswachstum. (vgl. Henry und Redak 2013: S. 242ff)

Becker 2002: S. 81 bezieht sich auf Lipietz Alain 1985b: S. 20 in seinem Verständnis des Geldes. Geld ist eine Institution, welche den Ausdruck des Verhältnisses von Anerkennung und Anrecht abbildet. Lipietz bewegt sich in der Tradition der institutionellen Regulationstheorie. Boyer wiederum sieht Geld als eine kollektive Institution mit Kommunikationsfunktion. (vgl. Boyer 1986: S. 59 zit.n. Hübner 1989: S. 175)

Institutionen

In Frankreich gibt es einen Zusammenschluss von AnhängerInnen der Regulationstheorie in der "Association Recherche & Régulation" und deren Debatten lassen sich in der "Revue de la régulation" verfolgen: (http://regulation.revues.org/1661) (vgl. Becker 2009: S. 111)

Journals

  • Economy and Society 
  • Socio-Economic Review

Verwendete Literatur

Aglietta, Michel (2000): Ein neues Akkumulationsregime. Die Regulationstheorie auf dem Prüfstand. Hamburg: VSA-Verl.

Aulenbacher, Brigitte; Riegraf, Birgit (2013): Kapitalismus und Krise - eine Frage von Ökonoie und Klasse? Über kapitalismustheoretische Öffnungen in Sachen Reproduktion, Geschlecht und Ethnie. In: Atzmüller et al.: Fit für die Krise? Perspektiven der Regulationstheorie. Westfälisches Dampfboot. S.90-110

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